Tourtagebuch 4. USA-Tour

Tag 1, Mittwoch 12.8.2009

Normalerweise lasse ich die Anreise ja eher aus, denn meist passiert nichts Besonderes außer dass man sich 3 Filme im Flugzeug anschaut, nicht schlafen kann, irgendeine pappige Mahlzeit serviert bekommt oder unangenehme Sitznachbarn hat. Dieses Mal ist alles anders! Schon in der Nacht hat Claus getrĂ€umt, dass wir in der ersten Klasse fliegen – doch als wir in Frankfurt einchecken wollen und wie gewohnt nach PlĂ€tzen in der Exit Row fragen (nur da können Claus und Rolf ihre Beine einigermaßen unterbringen!) sind bereits alle vergeben. Die Stewardess hat aber Mitleid mit den beiden und vermerkt auf unserem Ticket, dass wir – falls sich die Gelegenheit ergibt – ein Upgrade bekommen. Kurz vor dem Einsteigen fragen wir noch einmal nach und tatsĂ€chlich dĂŒrfen wir ohne Aufpreis Business Class fliegen (Lufthansa)! Toll! Wir freuen uns tierisch, aber das Beste kommt noch: beim Einsteigen spuckt die Maschine, die die Tickets einliest, fĂŒr JĂŒrgen einen Platz in der First Class aus – und so kommt es, dass Claus’ Traum wahr wird (wenn auch leider nicht fĂŒr ihn). JĂŒrgen genießt die exquisite Behandlung und bekommt Champagner, Kaviar und diverse Annehmlichkeiten, wir sind mit der Business Class allerdings auch immer noch mehr als zufrieden und ich muss gestehen, dass ich noch nie so entspannt und bequem geflogen bin!! Ein Highlight der Reise ist zweifellos, als JĂŒrgen uns besuchen kommt – von Champagner und Merlot recht angeheitert – und wir ihn nach dem MenĂŒ fragen, worauf er antwortet “Als Vorspeise Kaviar und RĂ€ucherfisch, und als Hauptgericht gabs dann so ‘nen Vogel” (gemeint war Perlhuhn, glaube ich). Wir lachen TrĂ€nen auf unseren Liegesitzen


In Chicago kommen wir entspannt und gut gelaunt an und dort wartet auch schon der Shuttle vom Milwaukee Irish Fest, der uns abholt und die 1,5 Stunden nach Milwaukee fĂ€hrt, wo wir im Hotel dann endlich auch Trish (Patricia Clark) treffen, die auf dieser Tour Sandra vertritt. Wir feiern das Wiedersehen und den Tourstart mit ein paar Drinks in der Hotelbar, treffen schon einige andere Musiker und machen es uns gemĂŒtlich. Doch der Jetlag verhindert ein allzu spĂ€tes Ende und so gehen wir einigermaßen zeitig ins Bett (JĂŒrgen und ich zumindest) und schlafen erst einmal aus.

Donnerstag 13.8.2009

Ausschlafen mit Jetlag ist immer relativ; so gegen 7 Uhr ist eigentlich die ganze Band wach, bis auf Trish, die ihren Jetlag in Wodka ertrĂ€nkt hat und dadurch gut und lange schlafen kann. Wir anderen gehen gegen 8 dann frĂŒhstĂŒcken. Und das obwohl es FrĂŒhstĂŒck bis um 11 gibt! Das passiert auch nur sehr selten.

Nach dem FrĂŒhstĂŒck treffen wir uns in JĂŒrgens und meinem Zimmer zu einer kleinen Probeneinheit und machen eine Setliste fĂŒr unseren Eröffnungsgig. Anschließend fĂŒhrt Rolf uns (zu Fuß!! Wir haben ja keinen Mietwagen wĂ€hrend des Festivals
)  zum nĂ€chsten “Culvers”, einer seiner liebsten Fastfood-Ketten, und es gibt erst einmal eine Runde Burger, schön fettig. Aber der erste schmeckt ja immer ;-) Nach vier Wochen ist das meist anders (außer bei Rolf). Es ist auffallend, dass in Milwaukee einige Menschen zu Fuß unterwegs sind – in anderen StĂ€dten (Tucson etwa) war allein schon das Überqueren von Strassen praktisch lebensgefĂ€hrlich, weil nicht vorgesehen. Wir laufen satt zurĂŒck zum Hotel und nehmen von dort aus einen Shuttle zum FestivalgelĂ€nde, welches riesig ist, um Soundcheck zu machen

 

Unsere BĂŒhne ist ebenfalls riesengroß. Mit uns spielen dort heute Slide, Salsa Celtica und die Red Hot Chilli Pipers (not  “Peppers!”). Das Publikum trifft gemĂ€chlich ein (Donnerstag ist “Preview-Night”, viele mĂŒssen Freitag noch arbeiten) und wir haben einen schönen Warm-Up Gig. Allerdings unser Monitormischer ist nicht der schnellste und lĂ€uft einmal sogar wĂ€hrend eines StĂŒcks weg um zu telefonieren – prompt haben wir eine extrem laute RĂŒckkopplung auf der BĂŒhne und er braucht ewig um wieder zu kommen. Aber nach ‘draußen’ klingt es wohl sehr gut, so sind wir dann auch trotzdem relativ beruhigt. Nach dem Konzert gibt es Standing Ovations – wir sind wieder in Amerika!

Heute geht das Programm generell nicht besonders lang, um 22 Uhr sind alle zurĂŒck im Hotel und an der Bar. Brian Witt, einer der Festival-FunktionĂ€re, stellt mir Liz Carroll vor, die gerade versucht, die Frage nach dem “worst gig of her life” zu beantworten ;-) Eigentlich bin ich hundemĂŒde, denn in Deutschland ist es gerade 3 oder 4 Uhr nachts, aber irgendwer bestellt mir GetrĂ€nke nach, und so kommt es dann, dass ich auf einmal ziemlich betrunken und gleichzeitig völlig erschöpft bin  - was sich in einigen Ausfallerscheinungen manifestiert (Sprachzentrum gelĂ€hmt, unkontrolllierte LachanfĂ€lle..). Trish hat dafĂŒr Schluckauf. 

Gegen halb eins verlassen JĂŒrgen und ich die Party. Claus, der heute als erster ins Bett wollte, und Rolf leisten Trish Gesellschaft an der Bar und erleben noch so einiges


Freitag 14.8.

Wie wir beim FrĂŒhstĂŒck erfahren, waren die anderen noch bis um 3 Uhr wach und haben allerhand Unfug getrieben. Claus leidet. Trish auch, aber sie zeigt es nicht so ;-)

Dann geht es auch sofort zum Festival fĂŒr einen Soundcheck auf unserer heutigen (nicht minder riesigen) BĂŒhne. Gott, was ist das alles groß hier!! Der Soundcheck ist gut, die Crew fĂ€hig und nett – gut! Nur den FlĂŒgel, der auf der BĂŒhne steht, dĂŒrfen wir nicht benutzen,  denn der wurde fĂŒr Natalie MacMaster reserviert und wir mĂŒssten 150$ fĂŒr den Klavierstimmer bezahlen, wenn wir das gute StĂŒck spielen wĂŒrden. Das ist natĂŒrlich völlig unlogisch, denn sie spielt vor uns und der Klavierstimmer stimmt den Steinway direkt vor ihrem Konzert, somit könnte es ihr eigentlich völlig egal sein, ob danach noch jemand darauf spielt oder nicht. Nun gut. Aber das Roland Stage Piano ist auch gut und wird seinen Zweck erfĂŒllen. Dennoch mache ich mir eine mentale Notiz, beim nĂ€chsten Mal den FlĂŒgel ausdrĂŒcklich anzufordern. Wir fahren zurĂŒck ins Hotel und trennen uns fĂŒr ein Weilchen, Claus, Trish und Rolf gehen ins “County Clare”, einen benachbarten Pub und essen dort zu Mittag, ich mache ein MittagsschlĂ€fchen und JĂŒrgen verschickt e-Mails. SpĂ€ter gehen auch wir beide noch was essen, zum Griechen um die Ecke, wo es unerwartet lecker ist. 

Dann proben wir noch einmal unser Programm, packen und begeben uns wieder auf das FestivalgelĂ€nde. Dort sind die Menschenmassen inzwischen eingetroffen, 120.000 Leute sind es wohl ungefĂ€hr, es gibt fĂŒnf oder sechs HauptbĂŒhnen und dann noch ĂŒberall ZeltbĂŒhnen, unzĂ€hlige BĂŒdchen (eine verkauft “Cigarettes, Films, Gums, Aspirin, Cigars”) und das Ganze hat eher Volksfestcharakter. 

Vor uns spielt heute Natalie MacMaster – die natĂŒrlich viele Fans mitbringt und die Stimmung ist super. Als wir auf die BĂŒhne gehen ist der Platz etwas leerer – wobei was heißt das schon bei der GrĂ¶ĂŸe
 aber wir ‘kriegen’ die Leute schnell und spielen ein schönes Konzert, welches mit Standing Ovations endet und dann treffen wir am CD-Stand noch Freunde von vergangenen Tourneen (Dean und Jackie aus Iowa sind wieder da) und unterhalten uns nett und signieren CDs. Nach uns spielen heute Slide, die wir uns noch zum Teil anhören, aber nicht ohne einen Umweg ĂŒber den lokalen Bratwurst-Stand... Milwaukee ist nĂ€mlich eine sehr ‘deutsche’ Stadt, viele deutschstĂ€mmige Einwohner, und deswegen auch eine Hochburg des Bierbrauens und der Wurst. Auf dem selben GelĂ€nde gibt es ĂŒbrigens im Sommer auch immer ein “German Fest”  - das wĂŒrde ich ja auch gern mal erleben.. ;-) (Wobei, zum Oktoberfest gehe ich ja eigentlich auch nicht
 ) 

Im Hotel steigt auf der Dachterrasse die After-Show Party, allerdings sind da sehr viele Menschen, die wir nicht kennen, und die auch keine Musiker sind (vor allem sehr schicke MĂ€dels mit kurzen Kleidern, die gerne mit Musikern fotografiert werden wollen! Kein Witz.)
 JĂŒrgen, Claus und ich machen schlapp und gehen nach einem Gute-Nacht-Pint ins Bett und ĂŒberlassen Rolf die “Trish – Schicht”. Er hĂ€lt durch bis um 3 Uhr morgens, die letzten anderthalb Stunden verbringt Trish mit ihren Freunden Finola und Liam Ryan aus Irland
 

Samstag, 15.8.

Beim spĂ€ten FrĂŒhstĂŒck treffen wir uns und auch die anderen Musiker von der SpĂ€tschicht; alle gebĂŒhrend verkatert – außer Claus, JĂŒrgen und mir. Danach proben wir unser heutiges Programm, wir sind heute die letzte Band auf der großen Parkview-BĂŒhne.

Die Probe ist prima, heute sind wir so nett und proben nicht mehr auf unserem Zimmer, sondern in einem Konferenzraum, da gestern der Nachbar einen (netten) Zettel unter der TĂŒr durchgeschoben hatte auf dem er uns riet, doch die verschiedenen RĂ€umlichkeiten, die das Hotel fĂŒr Proben zur VerfĂŒgung stellt, zu nutzen. ;-)

Um 15 Uhr treffen wir dann auf dem FestivalgelĂ€nde ein und wandern zur “Village Pub” BĂŒhne, wo Liz, eine Freundin von uns, mit ihrer Band “Navan” spielt. Navan sind drei SĂ€ngerinnen und ein SĂ€nger, die A Capella in 6 verschiedenen keltischen Sprachen singen (walisisch, kornisch, bretonisch, irisch, schottisch und manx ). 

Das Konzert ist wunderschön, ich habe GĂ€nsehaut und bin ganz begeistert, besonders ein walisisches Lied hat es mir angetan, das es wohl auch auf der Website www.navan.org zum Anhören gibt (kleiner Tipp am Rande). 

Anschließend schlendern wir noch ein bißchen ĂŒber das GelĂ€nde, es gibt auch “Celtic Sports” und eine “Irische-Hunderassen-Ausstellung”. Claus will sich eigentlich gerne eine LockenperĂŒcke kaufen, wie sie die irischen TĂ€nzerinnen in den USA gerne tragen (ab 4 Jahren aufwĂ€rts ĂŒbrigens, inklusive Make-Up), aber wir finden keine. 

Um kurz nach 18 Uhr spielen dann auf der Celtic Roots Stage “Vishten”, ein Quartett um zwei Schwestern von Prince Edward Island, die sehr gute Musik machen. Der Sound ist leider schlecht, aber man kann hören, dass alles super gespielt ist und vor allem auch gut arrangiert, was mir ja immer besonders gefĂ€llt. Wir kaufen uns eine CD, um die Musik mal richtig hören zu können. Danach ist dann auch fast schon Zeit, um sich umzuziehen, wir spielen um 22 Uhr, nach Slide und Natalie MacMaster, was durchaus eine Herausforderung ist, die wir aber annehmen und wie ich finde auch wirklich gut bestehen. Meiner Meinung nach war das bisher das beste Konzert von uns hier in Milwaukee, und das Publikum gibt uns insofern recht, als es die Leute schon beim Gitarrensolo von “And off he went” von den Sitzen reißt, um JĂŒrgen stehend Szenenapplaus zu spenden! Danach das Übliche: abbauen, CDs signieren, mit dem Shuttle zum Hotel. Dort ist es jetzt richtig voll, sowohl in der Bar als auch auf dem Dach, es gibt Sessions, man trifft sich
 Claus, Rolf und ich landen schließlich in einer schönen Session im “Ballroom”, wo unter anderem Sean Gavin aus Chicago spielt, mit dem wir schon letztes Jahr beim Chicago Festival eine super Session hatten. Meine Versuche, gegen 3 Uhr einzupacken werden von den anderen massiv verhindert, und so spielen wir bis ca. 4 Uhr, wo es mir gelingt, mich an einem “toten Punkt” nach einer ruhigen Gesangsdarbietung (nicht von mir) aus dem Geschehen zu schleichen, bevor mich jemand aufhalten kann. 

JĂŒrgen ist vorher schon ins Bett, Claus geht nicht lange nach mir, Rolf hingegen spielt noch bis um sechs mit den Auswechselspielern, die die Session gegen halb fĂŒnf nochmal zu neuem Leben erwecken und ihn dann ihrerseits am Gehen hindern. 

Sonntag, 16.8.:

Nur JĂŒrgen und ich frĂŒhstĂŒcken heute. Danach beschließen wir, einen Stadtbummel zu machen, soweit das in amerikanischen StĂ€dten möglich ist. Milwaukee hat immerhin einen “River Walk” am Fluss zu bieten, und mehr FußgĂ€nger als sonst ĂŒblich. Im Vergleich zu Deutschland wirken die Strassen trotzdem wie ausgestorben. Die Shopping Malls hingegen haben geöffnet. Wir schlendern durch ein paar GeschĂ€fte und landen schließlich am Fluss in einer BrauereigaststĂ€tte, sehr nett gelegen, mit hervorragendem Essen. Rolf stĂ¶ĂŸt zu uns und wir genießen ein sehr leckeres Mittagessen. Rolf ist so begeistert von seinem Prime Rib, dass er sogar vergisst, es zu fotografieren! JĂŒrgen genießt ein kleines Weizenbier zum Essen, das tatsĂ€chlich recht annehmbar schmeckt. Wir gönnen uns ein Taxi zum Hotel, packen unsere Sachen und begeben uns aufs FestivalgelĂ€nde, zum letzten Mal. Unser Set heute ist um 5 Uhr nachmittags, Slide sind vor uns dran und geben schon richtig Gas. TatsĂ€chlich ist das Publikum zahlreich und gut drauf, und so haben auch wir ein schönes Abschlusskonzert. Der Stage Manager ist völlig begeistert von unseren drei Konzerten auf “seiner” BĂŒhne und sagt, wir wĂ€ren fĂŒr ihn der beste Act gewesen und dass er sich beim Komittee auf jeden Fall dafĂŒr einsetzt, dass wir nĂ€chstes Jahr beim 30-jĂ€hrigen JubilĂ€um wieder mit dabei sind. Da haben wir natĂŒrlich nichts dagegen !

Wir verabschieden uns von unserem Technikteam, Jeff (FOH) und Dan (Monitor), die auch beide extrem nett sind. Hoffentlich sind die dann nĂ€chstes Jahr auch wieder da, wo wir spielen
 Natalie MacMaster und Donnell Leahy geben nach uns ihr letztes Konzert und danach gibt es noch einen Tanz-Act auf unserer BĂŒhne. Scharen von Kindern in allen Altersklassen, natĂŒrlich alle mit den unvermeidlichen PerĂŒcken, strömen ins Backstage – wir machen uns auf den Weg zur Aer Lingus Stage, wo um halb zehn das große Finale steigt, “The Scattering”, bei dem noch einmal alle Musiker auf einer BĂŒhne stehen. Das Ganze ist natĂŒrlich ein großes Chaos, aber ein sehr sehr vergnĂŒgliches. Erst spielen wir zwei Tune-Sets fĂŒr die TĂ€nzer, dann gibt es noch ein paar Songs ĂĄ la Wild Mountain Thyme, dazu ein Feuerwerk – die Stimmung ist klasse!

Wir treiben allerlei Unfug, zum Beispiel gibt es auf der BĂŒhne eine kleine Polonaise von Musikern, angefĂŒhrt von Daire Bracken (Slide), wir tauschen Instrumente, choreographieren kleine TĂ€nzchen usw. 

Danach ist dann wirklich Schluss und alle Musiker strömen in Richtung Shuttlebus zum Hotel. Dort ist dann die Farewell Party bereits in vollem Gange, auf drei Ebenen. Die Bar im Erdgeschoss, Session im Ballroom in der ersten Etage, und natĂŒrlich wieder auf dem Dach.

Wie schon am Samstagabend sind wir natĂŒrlich wieder bei der Session mit dabei. Es gibt Tunes bis in die frĂŒhen Morgenstunden. Leider bin ich um halb fĂŒnf, als Trish dann endlich auch auspackt, schon mĂŒde – aber das reicht ja auch, morgen mĂŒssen wir ja schließlich recht frĂŒh raus. 

Montag, 17.8.: 

Um halb 10 klingelt der Wecker, der Koffer muss gepackt werden und zwar so, dass wir noch genug CDs fĂŒr die kommende Woche mitnehmen können. Ich hatte vorab CDs nach Milwaukee und zu Pat geschickt, in Arizona erwartet uns dann wieder ein neues Paket.

Nach dem FrĂŒhstĂŒck (oh, wie freue ich mich auf Phill’s Apartment wo man sich eine schöne Tasse Tee machen kann und nicht diese labberige BrĂŒhe trinken muss, die sich im Hotel “Gourmet Coffee” nennt!!!) gehen wir ins Festival-Office, um die CD-Abrechnung zu machen und freuen uns, als wir erfahren, dass wir sehr viele CDs verkauft haben. Das ist doch mal ein guter Start! Wir stopfen alles, was an CD-Resten reinpasst in unsere Koffer und unser Fahrer bringt uns zum Milwaukee Airport. Dort werden die Koffer gewogen und dabei stellen wir fest, dass einige viel zu schwer sind, und so verwandeln wir den United Airlines Check-In kurz in ein Chaos, als wir alle Koffer öffnen und lustig GepĂ€ckstĂŒcke tauschen. Am Ende sind all unsere BesitztĂŒmer willkĂŒrlich auf 8 GepĂ€ckstĂŒcke verteilt und irgendwie haben wir den Check-In bewĂ€ltigt. Unser Flug nach Chicago ist sehr kurz, wir verbringen mehr Zeit auf der Rollbahn in Chicago als in der Luft! In Chicago O’Hare mĂŒssen wir ewig warten. 4 Stunden bis zum nĂ€chsten Flug, der dann aber leider auch noch VerspĂ€tung hat, so dass es dann fĂŒnfeinhalb Stunden sind. Wir vertreiben uns die Zeit mit Dösen, Lesen, Essen, WLAN und iPhones. 

Der Flug nach Portland, Maine dauert 2 Stunden und ist mit Abstand einer der unbequemsten FlĂŒge, die ich je hatte. Der Sitz ist extrem hart und die RĂŒckenlehne lĂ€sst sich nicht verstellen. So sind wir alle völlig steif, als wir in Portland landen. Dort holen wir unseren Mietwagen ab, packen ihn – es geht alles rein und es ist ein schönes Auto! – und brechen auf zur letzten Etappe fĂŒr heute. 2,5 Stunden etwa dauert die Fahrt nach East Dixfield. Um 2 Uhr nachts halten wir an einer Tankstelle, um ein paar Sachen fĂŒr das FrĂŒhstĂŒck zu kaufen und ein Gute-Nacht-Bier, aber nach 1 Uhr darf der gute Mann keinen Alkohol mehr verkaufen. Auf dem Weg zur Tanke fĂ€hrt Rolf ein wenig zu schnell und schon leuchten hinter uns bunte Lichter. Der Amerikaner mag es ja gar nicht, wenn man zu schnell fĂ€hrt, aber mit der Touristennummer kommen wir mit einer Ermahnung davon. Um halb 3 sind wir schlussendlich im Apartment, und nach einer Tasse Tee (statt Bier) gehen wir ins Bett. 

Dienstag, 18.8.

Dies ist der erste richtige All-you-can-sleep-Tag! Gegen 13 Uhr sind alle aus den Federn gekrochen und wir machen uns ein richtig schönes FrĂŒhstĂŒck. Es fĂŒhlt sich beinahe wie zuhause an, wieder hier zu sein. Dies ist jetzt unser dritter Aufenthalt hier in East Dixfield, und dieses Mal ist es besonders gut, denn Phill hat gleich drei Konzerte fĂŒr uns organisiert, die alle in erreichbarer NĂ€he sind und wir können jetzt die nĂ€chsten drei Tage hier unser Basislager aufschlagen. Außerdem hat er seit unserem letzten Aufenthalt einen Anbau gemacht, und zwar eigenhĂ€ndig, in dem jetzt der neue Konzertsaal ist – grĂ¶ĂŸer, schöner, bessere PA
 

Heute spielen wir allerdings erst einmal in Lewiston, und da der Soundcheck schon um 16 Uhr ist, bleibt uns nach FrĂŒhstĂŒck und Abwasch auch gar nicht mehr viel Zeit, wir packen und los geht’s. Lewiston, in einer Gegend gelegen, die “Little Canada” genannt wird, ist eine Hochburg der frankokanadischen Siedler, und das Franco-American Heritage Center, in dem wir heute spielen, entpuppt sich als ehemalige Kirche. Und zwar eine richtige, große Kirche aus Stein!! Der Konzertsaal im ersten Stock ist wunderschön, nur schrecklich heiß, denn erstens ist hier gerade eine Hitzewelle, was fĂŒr Maine sehr untypisch ist, und zweitens ist der Saal nicht klimatisiert, was wiederum fĂŒr Amerika sehr untypisch ist. So kommt es dann leider auch dazu, dass nicht so viele Leute erscheinen wie erwartet, denn das letzte Konzert ist erst zwei Tage her (Solas), und da war es so heiß, dass die HĂ€lfte des Publikums wĂ€hrend der Pause gehen musste, weil sie es nicht mehr ertragen konnten!! Trotzdem erfreuen wir uns an dem schönen Ambiente und dem Steinway FlĂŒgel (diesmal extra fĂŒr uns!) und auch das Publikum dankt es uns mit Stehbeifall und netten Kommentaren in der Pause und nach dem Konzert. Trish ist ziemlich erkĂ€ltet (klimaanlagenbedingt) und schnieft ins Mikrofon, darauf versichert Claus dem Publikum, dass es keinen Grund zur Sorge gibt und dass sie nicht die Schweinegrippe hat. Darauf ich zu Trish “how do you know it’s not swine flu?”, worauf sie entgegnet “because I’m not a pig!” – was natĂŒrlich sowohl auf Bandseite als auch im Publikum zu großer Erheiterung fĂŒhrt.  ErwĂ€hnenswert ist auch das fantastische Essen, was uns der französischstĂ€mmige Koch Edmund serviert. Es gibt 3 GĂ€nge: Salat, 2 Sorten Nudeln, Eis mit warmen BirnenhĂ€lften und Schokoladensoße – dazu richtig guten Wein! Maine ist schön. 

Nach dem Konzert fahren wir die anderthalb Stunden zurĂŒck ins Skye Theatre und spielen dort noch erst Tischfußball und dann ein paar Tunes, bis wir alle so gegen ein Uhr bettreif sind. 

Mittwoch, 19.8.: 

All you can sleep No.2! 

Nach dem FrĂŒhstĂŒck schreibe ich erst einmal Tour Diary und erledige einiges an BĂŒro e-mails. Jetzt bin ich auf dem neuesten Stand, mein Laptop ist leer und ich gehe die Waschmaschine suchen. Vor dem Konzert wollen wir noch ein neues Lied proben. 

Das Konzert heute ist ausverkauft, und das neue Skye Theatre ist wirklich schön geworden, die Probe verlĂ€uft auch so, dass wir es wagen, den neuen Song uraufzufĂŒhren. Er heißt “Sweet William’s Ghost”, und wie der Titel vermuten lĂ€sst, spukt es darin. Sehr schön ;-)

Zwischen Soundcheck und Konzert mache ich noch ein kurzes Interview fĂŒr eine Zeitung in Tucson, dann ist auch schon “showtime”, wie immer gibt es vor dem Konzert eine 30-minĂŒtige Session mit lokalen Musikern und dann steht Phill bereits auf der BĂŒhne und kĂŒndigt uns als “the best Irish band in Europe” an, ich denke das war wohl ein Versprecher

Das Publikum heute Abend ist einfach unglaublich, direkt ab dem ersten StĂŒck ist allerbeste Stimmung, und beim 10/8 reißt es die Leute beim Gitarrensolo von den Sitzen! Tiger sagt “ich zieh nach Amerika” und denkt ĂŒber den Erwerb eines Ferienhauses in Maine nach. Beim CD-Verkauf schaut ein Mann vorbei, der uns mit “Please be Peter” den Durchbruch prophezeit. In der Tradition der lustigen Ansagen mache ich heute dem Publikum Hoffnung auf “free TVs” – ich wollte eigentlich T-Shirts sagen, die man gewinnen kann, wenn man unseren Newsletter abonniert. Nach dem Konzert machen wir es uns im Apartment gemĂŒtlich und erzĂ€hlen noch ein bißchen, nichts spektakulĂ€res, nur entspannte, familiĂ€re Wohnzimmer-AtmosphĂ€re. 

Donnerstag, 20.8.: 

Heute stehen wir frĂŒh auf, um noch ein bißchen proben zu können, ein weiteres Telefoninterview zu geben, und dann etwas frĂŒher loszufahren. Rangeley, wo wir heute spielen, ist landschaftlich sehr schön gelegen, sagt man uns. Außerdem prophezeien uns alle, dass wir auf dem Weg dorthin, spĂ€testens aber auf dem Heimweg, auf jeden Fall Elche sehen werden. Die Fahrt ist wirklich extrem idyllisch, es ist in großen Teilen dieselbe Strecke, die wir schon bei der ersten Tournee mit Phill gefahren sind auf unserer legendĂ€ren (doch erfolglosen) “Elch-Safari”. Leider wird auch die heutige Fahrt nicht vom Elch gekrönt. Wir haben ja eigentlich damals schon beschlossen, dass der Elch in Maine eine Legende ist und nur fĂŒr die Touristen erfunden wurde, die die ganzen Elch-Devotionalien kaufen sollen. 

In Rangeley gibt es viele Seen, wir setzen uns ein bißchen ans Ufer und sehen zwei Wasserflugzeuge landen, Trish und ich fĂŒhren eine angeregte Unterhaltung mit einer Ente, und dann geht es auch schon zum Soundcheck ins Lakeside-Theatre, welches ein Kino ist (das auch noch als Kino betrieben wird). Der Saal ist nett, allerdings ist der Sound sehr gedĂ€mpft – wie es in Kinos so ist – und das SpielgefĂŒhl dadurch ebenfalls etwas eingeschrĂ€nkt. Besonders das Klavier klingt heute doch recht “blechdosig”. Aber was soll’s, die Leute sind guter Dinge und gehen gut mit, und so erspielen wir uns nicht nur Standing Ovations sondern auch Zugaben (so wie gestern auch), das ist in Amerika eher die Ausnahme. 

Danach drĂ€ngt uns Phill, schnell einzupacken, denn im Skye Theatre warten “smoked Ribs” auf uns. Mike, ein Freund von Phill, versorgt uns schon die ganzen Tage mit Muffins zum FrĂŒhstĂŒck, und seine SpezialitĂ€t sind gerĂ€ucherte Rippchen, die er extra fĂŒr uns heute macht und die schon im Apartment auf uns warten, zusammen mit einem netten Brief, ich zitiere: “I hope that you realize what a hit you were the other night. The crowds at the Skye are always courteous and attentive, but your music went much deeper into our hearts. Many great musicians have climbed the mountain and have reached the “Skye”, and you are some of the best ever. (
)”

Rolf fĂŒhrt angesichts der Ribs einen kleinen Freudentanz auf, ich halte mich eher an den Cajun-Reis, der als Beilage mitgeliefert wurde. Danach (wĂ€hrend ich gerade schreibe), gibt es ein Tischfußballturnier mit großem Geschrei, erst zwischen Rolf und Tiger (Tiger gewinnt 10:3 und 10:7) und dann zwischen Claus und Tiger (10:2 fĂŒr Tiger) – ich zitiere Claus: “Toor, ich hab ein Tor gemacht!!! Jetzt muss ich erstmal ein Bier trinken.”

Danach gibt es ein Gruppen-Match, Rolf und Claus gewinnen 10:5 gegen Tiger und Trish. 

Revanche: 10:8 fĂŒr Tiger & Trish. Dann verlieren Rolf und ich 8 :10 (Rolf sagt ich soll schreiben “nach dramatischer Aufholjagd, unverdient und knapp” – wobei ich zugeben muss dass von den 8 Toren nur eines auf mein Konto geht, und das unverdient
.)

- und das war’s. Gute Nacht. 

Freitag, 21.8.: 

Heute heißt es frĂŒh aufstehen, wir wollen um 10 Uhr alles im Auto haben, bis East Hartford sind es 5 Stunden reine Fahrtzeit und wir wollen ja unterwegs auch nochmal anhalten können. 

Auf der Fahrt spielen wir das “Yellow-Car-Game”, wann immer man ein gelbes Auto sieht, darf man die anderen im Auto hauen
 Bis East Hartford tut uns zwar alles weh, aber das Spiel ist sehr unterhaltsam und hĂ€lt alle wach. Ansonsten verlĂ€uft die Fahrt relativ ereignislos bis auf einen Stopp in einem Supermarkt, der schön groß ist und wo wir alles mögliche einkaufen (Obst, Chips, FruchtsĂ€fte)
 Eingekehrt wird bei Dunkin Donuts (ich halte mich lieber an meine EinkĂ€ufe), Claus bestellt jedoch aus Versehen den falschen Burger, was er bitter bereut. Nachdem Engelchen und Teufelchen in ihm eine Weile miteinander gestritten haben (“man muss keine zwei Burger haben” / “ich will aber”), halten wir einige Kilometer spĂ€ter noch einmal bei Dunkin Donuts und er holt sich  - mit Rolfs Hilfe – das, was er schon beim ersten Mal wollte. 

Der Club in East Hartford ist eine sehr sehr positive Überraschung, die BĂŒhne ist schön groß, der Saal auch, der Techniker ist fĂ€hig, der Veranstalter nett, und man liest uns jeden Wunsch von den Augen ab. Neben einem extra fĂŒr uns aufgebauten Buffet mit Lachs, Huhn, Schweinebraten, Auberginen, Kartoffeln, Salat und Apple Pie gibt es auch frischgezapftes Bier, was sogar gut schmeckt: wir fĂŒhlen uns wohl. 

An der BĂŒhne ist ein Schild angebracht, nur fĂŒr die Band sichtbar, auf dem steht “you are in East Hartfort, Connecticut” – in der Vergangenheit haben wohl einige desorientierte Musiker ein paar Mal zu oft “it’s great to be here in Hartford” gesagt


Das Konzert lĂ€uft super, heute sind wir auch richtig zufrieden mit unserer musikalischen Leistung. Die Leute sind begeistert, und auch der Veranstalter will uns unbedingt nĂ€chstes Jahr wieder buchen, und so sind wir rundum zufrieden. Heute macht Trish die Ansage zum “Onkel-Set”, in dem Claus’ Tune “The Mindmover” das zweite StĂŒck ist. Wer uns kennt, weiß mittlerweile ja, dass der Mindmover ein Cocktail ist, der 99,9% alkoholische Ingredienzen enthĂ€lt, plus ein bis zwei Spritzer Zitronensaft. Trishs Ansage ist großartig: “after drinking the Mindmover, Claus believed for five hours that he was a builder from Peckham called Clive” – noch wĂ€hrend des gesamten ersten StĂŒckes kĂ€mpfe ich einen Lachanfall nieder, der gut und gerne zu SpielunfĂ€higkeit hĂ€tte fĂŒhren können. Claus setzt dem Ganzen dann die Krone auf, als er wĂ€hrend des BodhrĂĄn-Solos fragt “wer ist denn dieser Clive?”. Nach der schönen Abwechslung des Konzerts packen wir im Rekordtempo zusammen, denn wir mĂŒssen noch einmal 5 Stunden Fahrt hinter uns bringen nach Fulton, NY, wo wir heute noch ins Hotel einchecken mĂŒssen, denn morgen frĂŒh um 10 mĂŒssen wir auf dem FestivalgelĂ€nde in Sterling sein und soundchecken. Gott sei Dank sieht man bei Dunkelheit die gelben Autos nicht! Beim Einladen holt sich Claus auch noch einen Hexenschuss, was natĂŒrlich - erst recht bei so einer langen Fahrt- ganz dumm ist, aber Rolf setzt ihn in seiner Funktion als Band-(Tier)arzt gleich unter Schmerzmittel, und so kann schlimmeres verhindert werden. Die Fahrt verlĂ€uft ansonsten ohne grĂ¶ĂŸere Vorkommnisse und gegen 3 Uhr morgens sind wir im Hotel.

Samstag, 22.8.:

Um 9 klingelt der Wecker und wir fahren zum FestivalgelĂ€nde. Das ist recht speziell, denn eigentlich ist es das GelĂ€nde, auf dem sonst an 7 Wochenenden im Sommer die “Renaissance Faire” abgehalten wird, das ist sozusagen die amerikanische Version eines Mittelaltermarktes. 

Die Veranstalter haben dieses Jahr ein Wochenende auserkoren, um nach dem  Renaissance- ein Celtic Rock (!)- Festival zu organisieren. TatsĂ€chlich sind wir so ziemlich die einzige Band, die auf einer der drei HauptbĂŒhnen ohne Schlagzeug und Bass spielt. Entsprechend skeptisch waren wir der Veranstaltung gegenĂŒber, zumal unsere BĂŒhne den schönen Namen “Mud Pit Stage” (“SchlammlochbĂŒhne”) trĂ€gt! Es stellt sich aber heraus, dass alles sehr viel besser ist als angenommen. Mud Pit stimmt zwar, aber die BĂŒhne ist groß und professionell, der Soundmann ist ebenfalls professionell und sehr gut, und so ist der Soundcheck schonmal eine positive Überraschung. Auf dieser BĂŒhne wird wohl sonst Shakespeare aufgefĂŒhrt. Außerdem finden wir im Backstage leckere Kleinigkeiten zu essen und ausreichend GetrĂ€nke in einer KĂŒhlbox, das versöhnt uns dann vollends mit dem Celtic Rock Festival. 

Nach unserem ersten Set schlendern wir ĂŒber das GelĂ€nde, wo es allerhand abstruse Dinge gibt, man kann sich von einem Druiden wahrsagen lassen, oder sich seltsame Flechtfrisuren verpassen lassen, oder HĂ€ngematten kaufen
 aber es gibt einen Festival-Pub, in dem es fĂŒr alle KĂŒnstler ein warmes Buffet und freie GetrĂ€nke gibt, das Essen ist sehr lecker und das Bier ist irisches Smithwick’s und das Personal ist extrem freundlich und beflissen– so kann man es wirklich aushalten!!

Wir spielen im Wechsel mit einer kanadisch-schottischen Band namens “Glengarry Bhoys”, die alle auch wirklich nett sind. Nach dem Essen ist auch schon Zeit fĂŒr das zweite Konzert, das richtig gut lĂ€uft und viel Spaß macht. Steve hat den Sound gut im Griff und sorgt fĂŒr ein wohliges SpielgefĂŒhl auf der BĂŒhne. Trishs Ansage zum Onkel-Set heute lautet “after drinking the Mindmover, Claus stood in a corner of the room for the rest of the night, with a lampshade on his head, believing he was a lamp!” – inzwischen ist es ein Sport geworden, jedes Mal eine andere Geschichte zu erfinden. Wir finden alle, dass diese besonders passend ist ;-). 

Nach einem weiteren Besuch im Festivalpub ist unsere Arbeit fĂŒr heute getan. Sehr nett ist, dass einer der Mitorganisatoren extra zu uns kommt, um zu fragen, ob alles ok war, und ob sie irgendetwas noch verbessern könnten fĂŒr den morgigen Tag. Alles, was uns einfĂ€llt, ist ein Ventilator fĂŒr die BĂŒhne, da das Wetter unangenehm feuchtwarm ist. 

Wir fahren zurĂŒck ins Riverside Inn, was sehr schön am dortigen Fluss (JĂŒrgen nennt ihn der Einfachheit halber auch “Neckar”) liegt und einen Outdoor-Swimmingpool hat. Rolf, JĂŒrgen und ich spielen eine Runde mit einem aufblasbaren Ball und schaffen es nach mehreren AnlĂ€ufen, ihn ĂŒber 100 Mal anzuspielen, bevor er im Wasser landet. SpĂ€ter treffen wir uns in der Bar und sitzen auf der Terrasse gemĂŒtlich zusammen, betrachten den Sonnenuntergang ĂŒber dem “Neckar” und freuen uns ĂŒber die gĂŒnstigen Preise fĂŒr die GetrĂ€nke. Wir sind zwar relativ frĂŒh im Bett, aber ich bin auch recht angeheitert – wie konnte das nur passieren
 ob mein neues AmerikalieblingsgetrĂ€nk Jameson-Ginger-Ale dran schuld ist 
;-)?

Sonntag, 23.8.: 

Gleicher Ablauf wie gestern, nur ohne Soundcheck. Der Ventilator ist bereitgestellt, deswegen regnet es heute. Leider wirkt sich das ein bißchen auf den Besuch aus, es sind heute weniger Menschen auf dem FestivalgelĂ€nde als gestern. Wir geben trotzdem alles. Heute ist die Mindmover-Story “he believed he was a cattle rustler from Mexico called Juan”.

Die Haarflechterin will mir unbedingt die Haare flechten und dafĂŒr eine CD umsonst bekommen – ich will aber keine Flechtfrisur!! Ich versuche, ihr aus dem Weg zu gehen, was nur teilweise gelingt. Rolf und JĂŒrgen machen noch einen kleinen “Hau-den-Lukas” – Wettkampf, den JĂŒrgen gewinnt, indem er die zweithöchste Marke erreicht (Rolf die dritthöchste, allerdings sagt er, dass er auch Probleme mit seiner Schulter hĂ€tte.). Egal, der Tiger ist der Gewinner. Auf dem Weg zum Hau-den-Lukas bekomme ich von einem netten Konzertbesucher noch einen Heiratsantrag (“I want to marry you”), den ich selbstverstĂ€ndlich ablehne. Er macht auch mit beim Hau-den-Lukas und erreicht die gleiche Marke wie JĂŒrgen – also auf jeden Fall kein SchwĂ€chling ;-)

Wir verabschieden uns von allen, Veranstaltern und Technikern, der Schlagzeuger der Glengarry Bhoys attestiert uns, dass wir nunmehr seine offizielle neue Lieblingsband sind, und dann machen wir uns auf den Weg ins Hotel. Eigentlich schwebt uns die Hotelbar vor, die auch ganz leckeres Essen serviert – aber die hat leider heute geschlossen! So landen wir in einem italienisch angehauchten Restaurant. Eigentlich hab ich gar keinen Hunger, aber weil alle was bestellen, bestelle ich halt einen Teller Spaghetti, das geht ja eigentlich immer. HĂ€tte ich das nur nicht getan!! Die Portionen sind lĂ€cherlich groß, und schon allein von den Überresten der Vorspeisen von Rolf, Trish, Claus und JĂŒrgen wĂ€re ich mehr als satt geworden!!! Zum Platzen satt verlassen wir eine Stunde spĂ€ter das Lokal, die Pasta war mit KĂ€se und Sahne gesĂ€ttigt. Rolf geht ins Bett, wir anderen verabreden uns noch einmal auf der Terrasse, um die Überreste an Festivalbier, das wir aus der KĂŒhlbox mitgenommen haben, sowie Trishs verbleibenden Wodka zu vertilgen. Es gibt eine Biersorte, die heißt “Black Forest Bavarian Style” – sagt ja eigentlich schon alles. 

JĂŒrgen ist vernĂŒnftig und geht nach einem Bier ins Bett, ich mache den großen Fehler, Trish beim Wodka zu helfen und gehe zwar immer noch recht frĂŒh, aber schon wieder recht angeheitert ins Bett! Aber sehr lustig war’s auf der Terrasse, oder wie Trish sagt “definitely worth it”. 

Montag, 24.8.: 

Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob es das wirklich wert war
 Wir mĂŒssen frĂŒh raus, und mein Kopf und vor allem der Magen sind gar nicht gut in Form


 

Heute haben wir Reisetag, unser Ziel heißt Tucson, Arizona, und die Reise unterteilt sich in 3 Etappen: 

Mit dem Mietwagen nach Buffalo Airport, mit dem Flugzeug nach Phoenix, Arizona, und mit dem neuen Mietwagen von Phoenix nach Tucson. Die Fahrt nach Buffalo (2,5 Stunden) verschlafe ich komplett. In Buffalo gehen wir frĂŒhstĂŒcken und dann fliegen wir mit Southwest Airlines nach Phoenix. Southwest ist die “etwas andere” Airline, es gibt freie Platzwahl, die Ansagen sind bemerkenswert informell (“pull the oxygen masks over your mouth and nose and breathe like you’ve never breathed before
 If there is a child sitting next to you, or someone behaving like a child, help them. If you have more than one child, pick your favourite child.” usw.)

Der Flug ist lang (etwa 4,5 Stunden) und am Ende recht wackelig, weil es ĂŒber Phoenix bewölkt und gewittrig ist. Die Stewardess singt am Ende des Fluges die Sicherheitsanweisungen in Liedform, und das ganze Flugzeug sing “Happy Birthday to John” fĂŒr einen 99 Jahre alten Passagier.  Insgesamt ein ziemliches Erlebnis. 

In Phoenix sind es 40 °C, allerdings trockene Hitze, die einigermassen ertrĂ€glich ist. Claus, Trish und ich bewachen die Koffer, wĂ€hrend JĂŒrgen und Rolf den Mietwagen holen gehen. In Arizona haben wir einen richtigen Kleinbus, denn wir haben ja auch Konzerte mit Claire und Aaron zusammen (unseren Kollegen von den 2Duos), so dass das Auto groß genug fĂŒr 7 Personen mit GepĂ€ck sein muss. Die Fahrt nach Tucson ist nur 2 Stunden lang und die Sonne geht malerisch hinter den letzten AuslĂ€ufern der Rocky Mountains unter – wie schon beim letzten Mal Arizona kommt jetzt bei mir so richtig das GefĂŒhl auf, weit weg von zuhause und in einem ganz anderen Land zu sein. Alles ist anders, die Vegetation, die Berge, die Tiere.. (dazu spĂ€ter mehr). 

Wir fahren zu Melissa und Chris, zwei musikbegeisterten Menschen aus der Tucson-Szene, die ein großes Haus und gerne Musiker zu Gast haben. Sie werden uns fĂŒr die nĂ€chsten Tage beherbergen. Melissa und Chris sind sehr sehr nett und die Unterkunft ist ganz prima. Das Haus liegt malerisch in den Catalina Foothills (Berge), umgeben von Kakteen und anderen StachelgewĂ€chsen. Es gibt ein home cooked Dinner fĂŒr uns (leckeres Roasted Chicken mit Kartoffeln und GemĂŒse, endlich mal kein fettiges Essen!) und wir sitzen gemĂŒtlich beisammen und erzĂ€hlen. JĂŒrgen entdeckt vor der HaustĂŒr eine riesige Spinne.

Ich will sie mir erst ankucken gehen, schrecke dann aber mit einem Quieken zurĂŒck, als ich sehe WIE groß die Spinne ist!!! Die Spinne wird von allen Seiten fotografiert und dann mittels eines Buches bestimmt, es handelt sich um ein Tarantelweibchen. Immerhin, gefĂ€hrlich ist sie wohl nicht – aber eindeutig zu groß fĂŒr meinen Geschmack. Noch auf dem Weg zurĂŒck in unser GĂ€stehaus (man muss einen Gartenpfad entlanglaufen), erschreckt mich JĂŒrgen, indem er irgendwo auf den Weg deutet und “da!” sagt! Grr! Um 22 Uhr sind wir in den Betten, denn wir haben drei Stunden Zeitdifferenz und dadurch einen Mini-Jetlag, 22 Uhr fĂŒhlt sich an wie  ein Uhr nachts, daher sind wir ziemlich erledigt. 

Dienstag, 25.8.: 

Heute haben wir frei. Nach dem gemeinsamen FrĂŒhstĂŒck rufen wir Pat, unseren Agenten, an und verabreden uns fĂŒr abends mit ihm. Dann gehen wir alle verschiedenen BeschĂ€ftigungen nach. Trish und ich sind fleißig und arbeiten ein bißchen, d.h. sie erledigt Sachen fĂŒr die Uni, ich schreibe Tourtagebuch und kĂŒmmere mich um die Agentur, JĂŒrgen wagt sich in die Hitze und geht zu Fuß auf Entdeckungstour, Rolf und Claus wollen in den Swimmingpool.

Wir treffen uns alle am Swimmingpool nach getaner Arbeit und genießen den tollen Ausblick, JĂŒrgen erzĂ€hlt von seinen Begegnungen mit der Fauna: ein Kolibri, Adler, Geier, ein Waran, mehrere Eidechsen und Streifenhörnchen - aber leider alle zu scheu fĂŒr ein Foto. Dann ziehen wir los auf Shoppingtour. Wir steuern erst eine Mall an, in der es auch einen Apple-Laden gibt, wo Trish sich ihren evtl. nĂ€chsten Computer anguckt (aber noch nicht kauft), und Claus und Rolf Ersatz-Akkus fĂŒr Laptop und iPhone erwerben. Ich gehe mir derweil ein paar Jeans kaufen sowie ein neues Kleid fĂŒr die BĂŒhne , alle sind glĂŒcklich. Dann fahren wir weiter in die Tucson Mall (riesig), wo wir uns aufteilen und einkaufen, ĂŒberwiegend Klamotten, weil die hier einfach viel gĂŒnstiger sind als in Deutschland, und wenn man sowieso welche braucht, ist es einfach sinnvoller, die Gagen hier auszugeben, als Dollars umzutauschen und dann in Deutschland teurere Sachen zu kaufen. Wir sind alle sehr erfolgreich und Claus geht sogar zum Frisör. Danach sind wir sehr hungrig und steuern ein Steakrestaurant an (Rolf will Steak, wir anderen haben nichts dagegen). So landen wir bei Chad’s Steakhouse, wo es wirklich gute Steaks, Salate, Bohnen usw. gibt. Rolf und Trish bestellen gemeinsam sogar noch ein Dessert, was den vielversprechenden Titel “Death by Chocolate” trĂ€gt. Gut gefĂŒttert machen wir uns dann auf nach Vail, zu Pat und Maria, die uns schon mit kĂŒhlen GetrĂ€nken erwarten. Wir sitzen ein bisschen auf der Terrasse und plaudern, als auf einmal zwischen unseren FĂŒĂŸen eine Spinne lĂ€uft. Da sie recht klein ist und nicht so schlimm aussieht wie die Tarantel gestern bewahre ich gut die Fassung, aber dann stellt sich heraus, dass es eine Schwarze Witwe ist – und Pat tritt sie tot! Da wird einem erst wieder klar, wie freundlich die Natur in Deutschland im Allgemeinen ist! SpĂ€ter halten wir noch ein kleines bis mittleres Business-Meeting in Pats BĂŒro ab, wo wir die weitere Planung 2010 besprechen, dann sind wir auch schon ziemlich mĂŒde und fahren zurĂŒck zu Melissa und Chris, wo der Abend bei einem Bier und ein paar harmlosen Tiergeschichten ausklingt. Allerdings: auf dem Weg zum Gartentor sehe ich noch eine Tarantel, dieses Mal ein MĂ€nnchen, und JĂŒrgen fotografiert es (ihn?) dieses Mal auch mit der großen Kamera. Zwei Taranteln und eine Schwarze Witwe in 24 Stunden
 hmmm not sure about this!!!

Mittwoch, 26.8.: 

Nach dem FrĂŒhstĂŒck ĂŒben wir in verschiedenen Ecken und RĂ€umen jeder fĂŒr sich, Trish wird von Melissa auf das UniversitĂ€tsgelĂ€nde gebracht, wo sie eine private Geigenstunde gibt. Wir anderen folgen dann um 12 auf den Campus, denn um 13 Uhr halten wir eine Gastvorlesung im Auditorium der MusikfakultĂ€t. Es sind Musikstudenten, Musikethnologen und MusikpĂ€dagogen anwesend, und wir reden ĂŒber irische Musik, Entwicklung der unterschiedlichen Instrumente, Instrumentalmusik, SĂ©an-Nos und Balladen
 und zwischendurch spielen wir immer wieder ein bisschen Musik. Es macht richtig Spaß, zumal einige wirklich sehr interessierte Studenten dabei sind, die bei der Fragerunde intelligente Fragen stellen. Vor allem Trish ist Gold wert, denn durch ihren BA in Irish Traditional Music (Uni Limerick) kann sie viele Fragen wirklich fundiert beantworten und auch mit den entsprechenden Jahreszahlen aufwarten. Nach der Vorlesung, die eine Stunde dauert, gehen wir zur Bank of America und zahlen die bisher gesammelten Schecks ein, dann fahren wir weiter zur Radiostation (KXCI Radio), wo wir heute ein Interview geben und zwei StĂŒcke live spielen. Das Ganze wird dann morgen gesendet. Auch das lĂ€uft gut, wir spielen Please be Peter und Happy A (ohne Klavier, daher mit anderem Reel am Ende), und werden gleichzeitig gefilmt, um irgendwann auf der KXCI Website oder auf Youtube zu erscheinen. 

Gegen 17 Uhr verlassen wir den Sender und fallen ausgehungert bei einem Fast-Food-Mexikaner ein, wo wir Burritos und Tacos verspeisen. Ich werde Opfer eines MissverstĂ€ndnisses: Gudrun: “A beef Burrito please” – Waitress: “Beans and cheese?” – Gudrun: “Yes, please” --- daraufhin bekomme ich einen Bohnen-KĂ€se-Burrito ohne Beef! Ich dachte, sie wollte wissen, ob ich zusĂ€tzlich Bohnen und KĂ€se will
 . Naja, es gibt Schlimmeres. 

Mit einem Abstecher ĂŒber Walgreen’s, wo Claus und ich zwei identische CowboyhĂŒte aus Stroh erstehen, 10 Dollar fĂŒr beide, fahren wir zurĂŒck zu Chris und Melissa, wo die abendliche Workshoprunde wartet. Claus‘ Hut heißt ĂŒbrigens “The Happy Hat”, weil er den TrĂ€ger desselben sofort friedlich und freundlich macht. Dazu muss man vielleicht erlĂ€utern, dass Claus und Trish nicht zwei, sondern mehrere Personen sind. Trish hat ein Alter Ego namens Elsie (“she’s a little violent, especially when she’s had Whiskey”), Claus hat mehrere Alter Egos, denen wir verschiedene Namen gegeben haben (Boris, Clive, Osaka, Lamphead
), einige von ihnen hat man ungern neben sich auf der RĂŒckbank sitzen – und da kommt nun der Happy Hat ins Spiel und schafft Abhilfe: Hut auf, gut drauf!  

Sind wir albern? Jaaaaaa! 

Die Unterrichtseinheit am Abend verlĂ€uft gut, vor allem, da JĂŒrgen und ich frei haben und den Sonnenuntergang im Pool genießen, um danach die neu erstandene Alison Krauss – DVD anzuschauen (“A hundred Miles or more”). Nach einem extrem leckeren Abendessen, welches Chris im Wok zubereitet, schauen wir noch 3 Episoden “Father Ted” mit unseren Gastgebern, die wir inzwischen sehr ins Herz geschlossen haben, und fallen dann in die Betten. 

Donnerstag, 28.8.: 

Morgens proben wir mit Cara fĂŒr die “Western Arts Alliance” conference, wo wir eines der begehrten “Juried Showcases” ergattert haben, von 150 Bewerbern wurden 13 ausgewĂ€hlt, und wir sind dabei! Innerhalb von 15 Minuten sollen wir einen möglichst kompakten und aussagekrĂ€ftigen Eindruck eines Cara-Konzerts vermitteln – dazu mĂŒssen wir einige Songs kĂŒrzen und umarrangieren. Nach 4 Stunden Probe gönnen wir uns eine Mittagspause. Um 16 Uhr stoßen Claire und Aaron von 2Duos zu uns, die gestern Abend in Phoenix gelandet sind und die Nacht in Pats Haus verbracht haben. Schön, die beiden wieder zu sehen!! Nun sind wir fĂŒr die nĂ€chsten 6 Tage zu siebt unterwegs, das wird schön. 

Ab 17 Uhr stehen dann wieder einige Unterrichtsstunden auf dem Plan, gleichzeitig gibt es ein Buffet mit Snacks und Barbecue, und es kommen Nachbarn, Freunde und Musiker aus der lokalen irischen Musikszene. Wer nicht unterrichtet spielt ein bißchen in der Session, oder unterhĂ€lt sich mit den GĂ€sten. Um 21 Uhr bittet Melissa die GĂ€ste, zu gehen, damit wir auch noch ein bisschen PrivatsphĂ€re haben; auch das ist alles sehr nett und durchdacht!

Danach setzen Claire, Aaron, JĂŒrgen und ich uns noch kurz zusammen und spielen die wichtigsten StĂŒcke aus dem 2Duos Set durch, denn morgen steht die erste gemeinsame Show an und wir werden wenig Zeit zum Proben haben. 

Der Abend klingt feucht-fröhlich aus, es entstehen einige lustige Fotos mit dem Happy Hat, und wir alle liegen vor Lachen auf dem Boden, als Chris Claus den “Lonely Planet” SprachfĂŒhrer Englisch-Deutsch in die Hand drĂŒckt, und Claus daraus das Kapitel “getting closer” vorliest, mit SĂ€tzen wie “Easy now, Tiger” oder “I can’t get it up”
 

Freitag, 29.8.:

Heute sind wir im Fernsehen! Um 10 brechen wir bei Melissa auf zu “KOLD TV”, wo wir “Live at Noon” ein StĂŒck spielen und ein Interview geben, um unsere Shows in Arizona zu bewerben. Bei KOLD waren wir letztes Jahr auch schon, und dieses Mal ist der Ablauf schon vertraut und wir sind routiniert. Beim Interview schaue ich zwar in die falsche Kamera, da die Moderatorin mir eine andere Anweisung gegeben hat als die Crew, und bin so nur im Profil zu sehen, aber das hat ja auch was ;-). Ansonsten lĂ€uft alles bestens und wir verlassen, nachdem wir noch ein entsprechende Fotos am News-Desk gemacht haben, zufrieden den Sender.

Unser Ziel heißt Flagstaff, 7000 Fuss Höhe, wo es deutlich kĂŒhler sein soll als in Tucson, oder gar Phoenix, wo wir Claire und Aaron noch einsammeln, die heute ihren Mietwagen zurĂŒckgeben und zu uns in den Bus steigen. In Phoenix ist es so heiß, dass sich JĂŒrgen mit Claires Kopftuch und Sonnenbrille verhĂŒllt, um auf dem Parkplatz eine Zigarette zu rauchen – man kann fast nicht nach draußen gehen! (Zumindest uns NordeuropĂ€ern sind 43°C im Schatten wirklich zu viel). Die Fahrt nach Flagstaff fĂŒhrt durch landschaftlich spektakulĂ€re Abschnitte, man sieht von ferne die Red Rocks bei Sedona, Berge, Kakteen


Es geht stetig bergauf, und in Flagstaff angekommen herrschen tatsĂ€chlich angenehme Temperaturen, es gibt sogar Nadelwald statt Kakteen – nur die Luft ist extrem dĂŒnn. Ron, der Veranstalter, erzĂ€hlt uns, dass es sogar Menschen gibt, die hier an Höhenkrankheit leiden.

So ist es nicht verwunderlich – wenn auch trotzdem eine eigenartige Erfahrung – dass uns beim Singen und Flöte spielen im wahrsten Sinne des Wortes stĂ€ndig die Luft ausgeht! 

Das Konzert findet in der UniversitĂ€t statt, in einem Auditorium (quasi ein Hörsaal). Das Ambiente ist nett, der Soundmann ok, und Ron Barton und seine Tochter Kari kĂŒmmern sich bestens um uns. Das erste Set bestreiten JĂŒrgen und ich mit den “2Duos”, es lĂ€uft alles soweit gut (bis auf die leichte Atemlosigkeit), Aaron ist in erzĂ€hlerischer Topform, der Entertainment-Faktor ist hoch. Nach der Pause spielen wir dann mit Cara und laden zum Ende hin erst Claire und dann Aaron auch wieder mit auf die BĂŒhne ein. Das Grande Finale macht sehr viel Spaß, auch wenn wir auf der BĂŒhne recht wenig Platz haben (Der Saal ist groß, die BĂŒhne eher klein), und wir bekommen Standing Ovations und Zugaben. 

Zufrieden packen wir unsere Sachen wieder in den Bus und verlassen die UniversitĂ€t. Heute schlafen wir bei den Bartons, die eines der schönsten HĂ€user bewohnen, in dem ich bisher in den USA war. Dort erwartet uns kĂŒhles Bier und ein leckeres mexikanisches Essen. Nach dem Essen packen wir die Instrumente aus, denn Kari ist ebenfalls Geigerin und Ron spielt Gitarre, und so gibt es noch eine schöne House-Session. Auf der Terrasse begegne ich einem Stinktier welches in ca. 3 Metern Entfernung herumschleicht, erst sehe ich nur den buschigen Schwanz, und dann das ganze Tier. Wirklich hĂŒbsch! Aber da wir schon einige Male den Gestank auf Autofahrten gerochen haben, verzichte ich auf eine nĂ€here Betrachtung
 JĂŒrgen wagt sich nĂ€her ran, aber da ist es dann auch schon flink hinter ein paar Felsen verschwunden. 

Samstag, 30.8.: 

Beim FrĂŒstĂŒck tummeln sich die Eichhörnchen in den BĂ€umen und wir beobachten sie vom Esszimmer aus. Es gibt Bacon, Eggs und Toast sowie guten Tee – alles prima. Danach nehmen wir Abschied von Ron und Kari, die uns sehr sympathisch sind, und machen uns wieder auf den Weg zurĂŒck nach Tucson. Die Strecke ist die Gleiche. 

Auf dem Weg lesen wir den Vetrag fĂŒr das Konzert am Sonntag, bei dem die 2Duos in Tubac auftreten sollen. Das Ganze ist extrem merkwĂŒrdig, denn die Organisation, fĂŒr die wir spielen, heißt “Global Change”, wird gefĂŒhrt von einem gewissen “Gabriel of Urantia” und alle wohnen gemeinsam auf einer Ranch, Alkohol, Zigaretten und Drogen sind dort strengstens verboten, und man muss vorher eine entsprechende Zusatzvereinbarung unterschreiben, dass man gewillt ist, sich an diese Regeln zu halten. FĂŒr uns klingt das sehr nach einer Sekte
 Nach vielen – teils sehr amĂŒsanten – Fantasien, wie wir uns dort beliebt machen könnten, fassen wir den Beschluss, nicht auf der Ranch zu ĂŒbernachten, sondern uns fĂŒr den Sonntag lieber aufzuteilen, die 2Duos nehmen sich ein Hotelzimmer, Cara ĂŒbernachten noch einmal bei Melissa, die uns netterweise angeboten hat, jederzeit wieder bei ihr zu wohnen, da sie mitbekommen hat, wie wir mit den Leuten von “Global Change” verhandelt haben.. Zuerst wurde uns nĂ€mlich eine Jurte angeboten, zwar mit Betten und TĂŒren, aber letzten Endes eben doch ein Zelt in der WĂŒste, und das muss nun wirklich nicht sein, wir sind schließlich auf Tournee und nicht auf Abenteuerurlaub! Wir hatten es zwar mittlerweile geschafft, dass uns Zimmer auf der Ranch angeboten wurden, aber wir trauen der Sache nicht ganz – im Vertrag stehen auch Dinge, die wir nicht wollen, wie z.B.dass die KĂŒnstler sich zusammen mit Gabriel fotografieren lassen mĂŒssen Da wir auf der Fahrt stĂ€ndig abwechselnd mit Pat und der Frau aus Tubac, Mycenay, telefonieren und dazwischen immer heiße Diskussionen entbrennen, was zumutbar ist und was nicht (die wiederum von LachanfĂ€llen unterbrochen werden, wenn unsere Fantasie mit uns durchgeht), vergeht die fĂŒnfstĂŒndige Fahrt sehr schnell. Mit einem Zwischenstopp (Subway, In&Out Burger und Supermarkt) kommen wir pĂŒnktlich um 16 Uhr in Tucson an  und checken in das Hotel ein, dass nur 800 m vom Venue entfernt ist. 

Heute spielen wir im “Tucson Temple of Music and Arts”, und genauso schön, wie der Name klingt, sind auch der Saal und die BĂŒhne. Heute macht Marshall den Sound, der uns schon letztes Jahr in Tucson gemischt hat, und der wirklich nett und kompetent ist. Die BĂŒhne ist perfekt vorbereitet und alles klingt prima. So macht das Touren Spaß. Das Backstage ist gerĂ€umig und der KĂŒhlschrank gut bestĂŒckt, nach dem Soundcheck wartet im Backstage bereits mexikanisches Essen auf uns – alles in bester Ordnung. 

Unsere Werbemassnahmen waren ebenfalls erfolgreich und der große Saal ist sehr gut gefĂŒllt, nur auf der Empore sind noch vereinzelte PlĂ€tze frei, alles andere ist ausverkauft. Wir spielen uns ein bisschen ein, ziehen uns um (der Reißverschluss an einem meiner neuen Kleider klemmt und ich kriege es nicht zu – wie schade.. ;-)), dann beginnen wieder die “2Duos”. Mit einem so schönen Sound in einem so schönen Raum und einem so begeisterten Publikum laufen wir zur Höchstform auf, alles lĂ€uft wie am SchnĂŒrchen!

Schon fĂŒr das 2Duos Set bekommen wir Standing Ovations! Nach der Pause spielen wir wieder mit Cara, heute haben wir TĂ€nzerinnen aus Tucson dabei, allesamt blond und groß, aber die Jungs können sich trotzdem konzentrieren. Das Finale, wie gestern mit allen, ist klasse und auch heute bekommen wir wieder das volle Programm aus Stehbeifall und Zugaben – und dann ist alles viel zu schnell vorbei. So mĂŒssten alle Konzerte sein! Aber das Leben ist bekanntlich kein Ponyhof. 

Am CD-Stand fallen die Menschenmassen ĂŒber uns her und wir unterschreiben alles, was man uns vor die Nase hĂ€lt. Am Schluss kann ich kaum noch leserlich unterschreiben. Schön, dass es so gut angekommen ist. 

Nach dem Einpacken gehen wir mit Chris und Melissa noch ein Bier trinken, leider hat unsere Hotelbar geschlossen, und so laufen wir durch Downtown Tucson zu einer anderen Bar. Es sind lauter extrem aufgetakelte Studenten unterwegs, die in Clubs drĂ€ngen, aus denen laute Musik kommt
 nicht unsere Welt. In der Bar, in der wir schließlich landen, ist es laut, voll und schwierig, einen Sitzplatz zu ergattern, aber mit Geduld und Organisationstalent schaffen wir es, uns im Biergarten ein Eckchen zu ergattern und dort klingt der Abend dann aus. 

Sonntag, 31.8.: 

Rolf, Claus und Trish werden morgens von Melissa abgeholt, wir anderen treffen uns um 13 Uhr am Auto, um nach Tubac zu fahren. Tubac liegt ganz in der NĂ€he der mexikanischen Grenze und auf dem Weg dorthin sehen wir eine Kontrolle auf der Gegenfahrbahn, wo jedes Auto, das von der mexikanischen Seite her kommt, auseinander genommen wird. Tubac ist eine kleine Stadt in der WĂŒste, wo es viele kleine KunsthandwerklĂ€den gibt. Auf der “Plaza” ist eine BĂŒhne aufgebaut und es stehen auch schon StĂŒhle und eine PA. Die Leute sind wirklich nett, obwohl der Sektenverdacht sich verdichtet, als wir im Backstage eine gefĂ€lschte eingerahmte Titelseite des “Time” Magazine finden, auf der Gabriel of Urantia als “Man of the Millenium” bezeichnet wird. GefĂ€lscht ist sie nachweislich, weil weder Preis noch Datum aufgedruckt sind. Die Leute haben auch alle so komische Namen, wie unsere Betreuerin “Mycenay”, alles Namen, die man noch nie gehört hat und die man sich natĂŒrlich auch nicht merken kann, wenn man fragt “and what’s your name?”


Der Soundcheck ist vergleichsweise angenehm, unser Soundmann Owen (mal ein normaler Name) ist gut, und das beruhigt uns schon einmal ziemlich. Aaron findet sogar einen Pub um die Ecke, wohin wir uns flĂŒchten, um der Hitze zu entgehen, die draußen auch im Schatten herrscht. Als Aaron die GetrĂ€nke an der Bar holt, fragt der Barmann nach unserem Woher und Wohin, und als wir erwĂ€hnen, dass wir ein Konzert spielen sagt er “oh, for them?” und grinst. Wir vermuten, dass “die” das vermutlich nicht gutheißen wĂŒrden, dass wir in der Bar sind und Bier trinken, aber als wir das laut Ă€ußern, entgegnet er “Oh, don’t worry, we get them in here too!” – So viel also zur strikt antialkoholischen Lebensweise ;-)

Das Konzert besteht aus drei (!) 40-Minuten-Sets und das bei der Hitze!! Gottseidank sind die Besucher recht zahlreich sowie wirklich nett und gut drauf, alles andere wĂ€re nicht zumutbar bei den Rahmenbedingungen. Trotzdem fordert die Hitze ihren Tribut und wir spielen alles etwas langsamer als sonst. Mitten in einem Song bleibt ein Bassknopf meines Akkordeons stecken (das Holz arbeitet wohl auch durch die Hitze. ), so dass ich auf einmal einen Bordunton habe, der allerdings je nach Balgrichtung D oder G ist – damit kann man nicht weiterspielen. JĂŒrgens Versuche, mit einem Leatherman den Knopf wieder herauszubekommen, sind erfolglos und so mĂŒssen wir das Akkordeon aufschrauben um an den Knopf zu kommen (natĂŒrlich nicht wĂ€hrend des Konzerts, sondern in der Pause). Das gelingt uns, aber danach traue ich mich nicht mehr, die linke Seite ĂŒberhaupt zu benutzen, und spiele dann nur noch Melodie. WĂ€hrend eines Songs im zweiten Set (die Sonne geht dankenswerterweise langsam unter) landet ein großes Tier (etwa MaikĂ€fergrĂ¶ĂŸe, eher etwas grĂ¶ĂŸer, vermutlich eine Art Grille) auf Aarons weißem Hemd. Claire beobachtet das und versucht, das Tier zu verjagen, dabei wird Aaron darauf aufmerksam, sieht nur “großes schwarzes Tier”, seine Wahrnehmung meldet “Spinne”, woraufhin er mitten im Refrain “huuh” ins Mikrofon ruft und (weiter singend) einen sehr lustigen Tanz auffĂŒhrt. Das Tier fliegt auf der BĂŒhne herum und in meine Richtung, woraufhin ich versuche, es mit dem Geigenbogen zu verjagen und eine kleine Fecht-Nummer zum Besten gebe, sehr zur Erheiterung des Publikums und der Band. Die hiesige Fauna kann recht beĂ€ngstigend sein. ;-)

Als die Sonne untergegangen ist, wird sogar vor der BĂŒhne richtig viel getanzt, und wir mĂŒssen eine Zugabe geben – aber alles in allem sind wir froh und glĂŒcklich, als das letzte Set vorbei ist und wir in unser klimatisiertes Auto steigen können und zurĂŒck nach Tucson fahren. 

Auf dem “Heimweg” passieren wir die Kontrolle. Ca 5 km vor der Kontrolle sehen wir ein Auto am Straßenrand halten, aus dem Mexikaner mit Koffern herausspringen und sich in die BĂŒsche schlagen. Es hat sich wohl schon herumgesprochen, dass es eine Kontrolle gibt


Rolf, Claus und Trish waren heute mit Melissa und Chris chinesisch essen und so begeistert, dass wir uns die Adresse durchgeben lassen und dann dasselbe Restaurant ansteuern. Leider sind die anderen schon nicht mehr da, aber das Essen ist wirklich herausragend, und das sage ich, die ich normalerweise gar nicht so furchtbar scharf auf chinesische KĂŒche bin!

Es gibt außerdem auch wieder einige lustige Dinge auf der Karte, wie zum Beispiel den Cocktail “Nutty Uncle” (fĂŒr “Onkel” Claus), oder den “Great Wall of Chocolate”, ein Dessert, was fĂŒnf ausgewachsene Menschen mit Schokolade fĂŒr den Rest der Woche versorgt (die anderen haben es bestellt, wir verzichten, weil wir mit Vorspeise und Hauptgericht schon mehr als zufrieden und satt sind). 

Sehr satt und glĂŒcklich steuern wir das Hotel an, mit einem kleinen Umweg ĂŒber die Tankstelle, wo wir uns noch ein Bier mitnehmen. Wir machen es uns bei JĂŒrgen und mir auf dem Zimmer gemĂŒtlich und erzĂ€hlen noch ein bisschen, dann ĂŒbermannt uns die MĂŒdigkeit. Es ist zwar noch recht frĂŒh, aber die Hitze und das gute Essen verfehlen ihre Wirkung nicht und wir schlafen wir die Steine. 

Montag, 1.9.: 

Eigentlich dachten wir, dass dies ein freier Tag wĂ€re, aber es stellt sich heraus, dass es so viel zu tun gibt, dass der ganze Tag fĂŒr Organisation draufgeht. Aaron ist schon frĂŒh auf und bereitet die Old Blind Dogs-Tour vor, die sich nahtlos an die 2Duos / Cara-Woche anschließt. Hotels buchen, Mietwagen organisieren, Schlagzeug bestellen bei jedem Venue
 Kennen wir alles gut
 Gegen Mittag fahren wir zu Chris und Melissa, wo Claus und ich uns auf die Abrechnungstabelle stĂŒrzen, wĂ€hrend JĂŒrgen, Rolf und Aaron zur Bank of America gehen, wo sie Schecks einreichen und sich schlau machen, welches die beste Möglichkeit ist, unsere Dollars nach Hause zu transferieren. (Anschließend machen sie einen kleinen Umweg fĂŒr einen „sneaky burger“ bei Arby’s. Trish bereitet ihren Musiktheorie-Kurs fĂŒr die Uni vor; ihre neue Stelle als Dozentin fĂŒr Musiktheorie und Klavier fĂŒr den BA-Studiengang wurde wĂ€hrend der Tour bestĂ€tigt! Deswegen hat sie sich auch mit einem neuen Laptop belohnt.  Alles dauert wesentlich lĂ€nger als geplant und so sitzen und schwitzen wir ĂŒber unseren verschiedenen Aufgaben bis zum spĂ€ten Nachmittag, wo sich dann der angestaute Stress in einer ziemlich wilden Schlacht im Swimming-Pool entlĂ€dt. Claire, Aaron, JĂŒrgen und ich machen ein kleines “Ritterturnier” Deutschland gegen Schottland, Deutschland gewinnt! Ha!

Nach der anschließenden Schnellprobe fĂŒr die bevorstehenden Showcases auf der WAA conference sind wir hungrig und brechen auf ins “Outback”-Steakhouse, wo es sehr leckere Steaks gibt. Rolf und Aaron gönnen sich ein Steak mit King Crab Legs und sind davon begeistert, JĂŒrgen und ich freuen uns an unserem Lobster-Mushroom-Topping. Alles Bestens. 

Nach dem Essen trennen sich unsere Wege noch einmal fĂŒr eine Nacht, 2Duos fahren zurĂŒck ins Hotel, Cara zu Melissa. 

Dienstag, 2.9.: 

Wir holen die anderen bei Melissa ab, und auch Melissa steigt mit in den “Cara-Van”, denn unser gemeinsames nĂ€chstes Ziel heißt WAA Conference in Phoenix. Die WAA ist eine große Messe fĂŒr Agenturen und Veranstalter aus dem Westen Amerikas, von Alaska bis in den SĂŒden Kaliforniens. Real Good Music, unsere Agentur, hat dort einen Stand sowie einen Veranstaltungssaal gemietet und wir werden gemeinsam mit 3 anderen Bands (Slide, Pogey, Old Blind Dogs) aus Pats Roster dort die nĂ€chsten Tage verbringen. Melissa hilft an Pats Messestand mit. Auf dem Weg machen wir noch einen Zwischenstopp bei einem Laden, in dem ich mir gĂŒnstige Cowboystiefel kaufen will – leider gibt es in meiner GrĂ¶ĂŸe nichts anstĂ€ndiges
 dafĂŒr eine riesige Auswahl bis GrĂ¶ĂŸe 50 oder so
 Cowboys (und -girls) scheinen große FĂŒĂŸe zu haben
 ;-(.

Im Auto bricht der totale Wahnsinn aus, das “Yellow-Car-Game” wird immer passionierter und gewalttĂ€tiger, ich sitze zwischen Aaron und Trish – kein guter Platz bei diesem Spiel – und wehre mich nach KrĂ€ften
 Melissa beweist große Geduld mit uns, und da sie außer ihrer unerschĂŒtterlichen Ruhe und ihrem leisen, aber treffsicheren Humor auch noch eine große FreßtĂŒte mit selbstgebackenen Brownies und anderen Leckereien dabei hat, erklĂ€ren wir sie kurzerhand zur “Band-Mum”. Gegen 15 Uhr treffen wir am Sheraton Hotel in Phoenix ein, in dem wir die nĂ€chsten drei Tage wohnen, und in dem auch die Konferenz stattfindet. 

Das Hotel ist extrem nobel und groß, ich bin ganz dankbar, dass wir ‘nur’ im neunten Stock wohnen und nicht wie Claire und Aaron im 27sten
! Wir checken ein und versuchen, an der Rezeption fĂŒr die Konferenz unsere vorbestellten Artist Passes abzuholen, was sich als unerwartet schwierig erweist, da sie nicht auffindbar sind, neu ausgestellt werden mĂŒssen, nicht klar ist, ob das Geld nun von unserer Kreditkarte schon abgebucht worden ist oder nicht etc
 eine dreiviertel Stunde spĂ€ter tauchen wir aus dem Chaos von falsch ausgedruckten Namensschildern, Bandverwechslungen und unauffindbaren Formularen auf und sind nun endlich im Besitz unserer hochoffiziellen Namensschilder und “VIP” PĂ€sse. Veranstalter haben einen blauen Rand am Namensschild, Agenturen und KĂŒnstler sind rot, praktisches System, man erkennt sich quasi schon von weitem. 

Nach einem schnellen HĂŒpfer in den großzĂŒgigen Pool, der auf der Dachterrasse des vierten Stocks liegt, machen Aaron und ich uns schick fĂŒr den offiziellen Empfang. Pat hat uns zwei Eintrittskarten besorgt und wir beide sind quasi die “Abordnung” fĂŒr Cara, 2Duos und Old Blind Dogs. Es gibt kleine Leckereien und Drinks, und schon beim Anstehen am Buffet kommt man mit den verschiedensten Leuten ins GesprĂ€ch. Cara ist in aller Munde, da wir eins der begehrten Juried Showcases haben, und so mache ich in Pats Kielwasser die Runde, schĂŒttle HĂ€nde, mache Smalltalk und hoffe verzweifelt, dass ich in der Lage bin, Leute, mit denen ich bereits gesprochen habe, in den nĂ€chsten Tagen wieder zu erkennen! Es sind sehr sehr viele Menschen da
 Gut, dass der Empfang nur anderthalb Stunden dauert. Danach schleichen wir uns davon, nun beginnen die ‘affiliated Showcases’, das sind Kurzauftritte, die die Agenturen fĂŒr ihre KĂŒnstler in verschiedenen RĂ€umen des Hotels oder außerhalb organisiert haben. Da heute keine Band dabei ist, die wir unbedingt hören wollen, und die anderen ja noch keine FrĂŒhlingsrollen und Scampispießchen gehabt haben, treffen Aaron und ich uns mit den anderen und wir gehen eine Kleinigkeit essen und danach in einen nahegelegenen Irish Pub. Trish hat in der Zeit, in der Aaron und ich beim Empfang waren ĂŒbrigens an der Hotelbar bereits persönlich Bekanntschaft mit der Barkeeperin gemacht und ihre komplette Lebensgeschichte erfahren.

Mit den Barkeepern aus Milwaukee, Libby und Anselm ist Trish mittlerweile sogar auf Facebook befreundet  - es gibt eine große gegenseitige Anziehungskraft im VerhĂ€ltnis Barpersonal – Trish! Deswegen mixt Liz uns, als wir wiederkommen auch eine Surprise-Drink, der pink ist und ĂŒberraschend gut schmeckt, allerdings kann ich heute einfach nicht so viel trinken und so verschenke ich meinen. Gut gelaunt verbringen wir den Rest des Abends in der Hotel-Lobby. 

Mittwoch, 3.9.: 

Heute ist unser offizielles Showcase, unser Soundcheck ist um 11:15, und um pĂŒnktlich zu sein, treffen wir uns um 10:30 in der Lobby (JĂŒrgen und ich frĂŒhstĂŒcken bei Starbuck’s, gegenĂŒber vom Hotel). Die Showcases sind in einem schönen Theatersaal, gleich neben dem Hotel (“Herberger Theatre”). FĂŒr jeden der 13 Acts gibt es einen eigenen Backstagebereich, die BĂŒhne ist groß, der Saal schön – auf den ersten Blick erscheint alles bestens. 

Als wir eintreffen, ist gerade ein klassischer Pianist auf der BĂŒhne und spielt sich am FlĂŒgel ein. Wir packen schon einmal unsere Technik aus und machen uns bereit, um den maximalen Zeitraum fĂŒr den Soundcheck auszuschöpfen. Leider ist das Technikpersonal, bestehend aus Tontechniker, drei Helfern und einer Stage-Managerin, völlig planlos und schlecht informiert und außerdem aufreizend langsam. Auf der BĂŒhne werden im Zeitlupentempo Kabel verlegt, Monitorboxen gerĂŒckt, Klebestreifen geklebt, viel diskutiert, und unsere eigentlich mit 15 Minuten Aufbau und 30 Minuten Soundcheck gut bemessene Zeit verstreicht, wĂ€hrend wir warten und warten
 Aber es kommt noch schlimmer: Der Tontechniker, wohl ein Last-Minute-Replacement, hat ein neues Digitalpult unter den Fingern, dass er ganz offensichtlich nicht bedienen kann, und so passieren die unglaublichsten Dinge: wenn man zum Beispiel die eigene Stimme im Monitor hören will, bekommt man auf einmal ganz laut Akkordeon, wenn Trish ihren Monitor lauter will, tut sich bei ihr nichts, dafĂŒr fliegt mir meiner fast um die Ohren
: sogar ganz grundsĂ€tzliche Fehler werden gemacht, z.B. wird der FlĂŒgel mit einem Overhead-Mikro abgenommen, ĂŒber das man nicht nur das Klavier, sondern auch alles andere verstĂ€rkt, wodurch dann das Ganze akustisch einen gewissen Zeitversatz bekommt – man hört sich quasi “doppelt”. Wir sind  entsetzt, versuchen aber trotzdem gelassen und professionell zu bleiben. Jeder notiert sich die Nummer seiner KanĂ€le, damit man spĂ€tere sicher sein kann, dass alles an der richtigen Stelle eingestöpselt wird, wir senden ein Stoßgebet gen Himmel und gehen zurĂŒck ins Hotel. Unser Showcase ist um 17 Uhr angesetzt. Außer uns sind nur noch zwei andere Bands “am Start”, alles andere sind klassische Musiker, die ohne VerstĂ€rkung spielen, KleinkĂŒnstler, Kabarettisten und Akrobaten. Da wir die erste Band waren, die Soundcheck hatte, hoffen wir einfach, dass das Team sich im Laufe des Tages noch “einschwingt” und bis 17 Uhr alles im Griff hat. 

Wir ĂŒben, einzeln und zusammen, entspannen uns, nd gegen 16 Uhr gehen wir wieder ins Theater, ziehen uns um und machen uns bereit. Der Saal ist gut besetzt mit VIPs, ich bin angenehm nervös und hoffe das Beste. 

Leider geht es von hier an schwungvoll bergab. Nicht nur dauert der Umbau zermĂŒrbend lange, sondern es tritt auch tatsĂ€chlich der befĂŒrchtete Ernstfall ein und die Gitarre steckt im falschen Kanal. Wir machen die Stage-Managerin darauf aufmerksam. Sie funkt ĂŒber Walkie-Talkie den Tontechniker an, der sagt, er hĂ€tte alles im Griff. Wir hoffen das Beste. Als die Stage-Managerin uns ankĂŒndigen will, braucht der Techniker vier Versuche, bis das richtige Mikrofon funktioniert und das Publikum sie tatsĂ€chlich hören kann. 

Wir spielen unser Set, sind in guter Spiellaune, die Leute sind uns extrem gewogen – nur leider ist die Gitarre aus. Und zwar komplett aus, im Saal und auf der BĂŒhne, und der Techniker findet in den ganzen 15 Minuten nicht den richtigen Knopf – unfassbar. Noch unfassbarer ist, dass Trishs Monitor aus ist, und zwar nicht nur ausgeschaltet, sondern einfach nicht mehr verkabelt. Als sie die BĂŒhnenmanagerin darauf aufmerksam macht (nach dem ersten Song), fragt diese zurĂŒck “but does it really make such a difference anyway if you have a monitor?” – ein klĂ€glicher Versuch wird unternommen, das Problem zu lösen, indem ein Kabel, was in Rolfs Monitor steckt, herausgezogen wird, um in Trishs Box gesteckt zu werden. Leider gibt es nach dem Ziehen des Kabels erst einmal so eine massive RĂŒckkopplung, dass das Publikum sich die Ohren zuhĂ€lt!!! Daraufhin werden alle Versuche eingestellt und Trish spielt und singt “auf Sicht”, alles was sie akustisch hören kann, ist natĂŒrlich der FlĂŒgel
 Trotzdem halten wir die gute Laune aufrecht, geben alles, was wir können und machen eine gute Show (im wörtlichen Sinne). 

Das kommt bei den Veranstaltern natĂŒrlich super an, und wir bekommen jede Menge Komplimente dafĂŒr, wie gut wir mit dieser unmöglichen Situation umgegangen sind, und wie gut die Ausstrahlung als Band ist. NatĂŒrlich hĂ€tten wir als Musiker wesentlich lieber gut gespielt und nicht nur gut gewirkt, deswegen hinterlĂ€sst das alles doch einen bitteren Nachgeschmack, auch wenn die Begeisterung ehrlich ist und wir sehr viele Anfragen bekommen. Der angestaute Druck entlĂ€dt sich in einer Session in der Hotel-Lobby. Mittlerweile sind auch die Musiker der anderen Bands angekommen, und wer nicht zu sehr unter Jetlag leidet, gesellt sich zu uns und wir spielen Tunes. Melissa und ihre Nichte Lucy arbeiten uns zu, in dem sie um die Session kreisen und an jeden, der Fragen stellt, welche Band da gerade spielt und wo man die buchen kann, FlugblĂ€tter aushĂ€ndigt, auf denen die Zeiten fĂŒr das morgige, von RGM organisierte Showcase stehen. So vereinen wir Spaß mit Arbeit, und das entschĂ€digt halbwegs fĂŒr das vorangegangene Desaster. Auf dem Weg in unser Zimmer, wo ich nur schnell ein paar DVDs holen will fĂŒr einige Interessierte, rutsche ich im Aufzug aus, irgendjemand hat dort Wasser verschĂŒttet und der Marmorboden ist spiegelglatt
 ein schöner, großer blauer Fleck jeweils an der linken Hand sowie am linken Knie breiten sich aus – alles in allem wirklich nicht mein Tag!! Die Session ist trotzdem gut. 

Donnerstag, 4.9.: 

Beim Aufwachen wird mir noch einmal klar, wie Ă€rgerlich das gestern alles war, und nach einer kurzen Beratung beschließen wir, uns offiziell zu beschweren. Trishs Alter Ego “Elsie” hat bereits einen Brief geschrieben, extrem gut formuliert, und Pat ist mit den Organisatoren von WAA in Kontakt und hat ihnen den Vorfall geschildert. Die anderen zwei Bands kamen ĂŒbrigens etwas besser weg, bei denen war zwar der Sound auch schrecklich schlecht, aber alle Instrumente waren an – wenn auch unterschiedlich gut hörbar – und es gab keine RĂŒckkopplungen. Die Logistik-Managerin trifft sich mit uns, und nach der Schilderung des Falls hegt sie grĂ¶ĂŸte Sympathie fĂŒr uns und entschuldigt sich. Ihr Chef kommt vorbei und liest Elsies Brief, ist ebenfalls angemessen betroffen und bietet uns “refunding” an, das bedeutet, dass wir die 600 $ GebĂŒhren fĂŒr das offizielle Showcase höchstwahrscheinlich komplett rĂŒckerstattet bekommen. Immerhin, ein kleiner Trost. Außerdem bietet er an, unser heutiges Showcase auch noch einmal offiziell anzukĂŒndigen, was sicher kein Fehler ist. 

Danach fĂŒhlen wir uns besser. Ich verbringe den Tag bei RGM am Stand und knĂŒpfe Kontakte, Rolf und JĂŒrgen schlagen sich mit der Bank of America herum (die beste Möglichkeit, unsere Dollars nach Deutschland zu schaffen, scheint eine Überweisung zu sein, das ist aber nicht so einfach, wie man sich das vorstellt
) und helfen dem Tontechniker, den Pat fĂŒr uns alle engagiert hat, die PA auszuladen und aufzubauen. 

Um 17 Uhr beginnen dann die Soundchecks, ab 20 Uhr spielen alle fĂŒnf Bands jeweils im 20-Minuten Takt. Der Raum ist prima, BĂŒhne und Licht professionell, und die Lage (gleich gegenĂŒber vom Aufzug) könnte besser nicht sein. Marshall, unser Techniker, schlĂ€gt sich trotz der unmöglichen Aufgabe, in jeweils 5 Minuten zwischen den Bands umzubauen und die Einstellungen ohne die Hilfe eines Digitalpults immer wieder Ă€hnlich hinzukriegen, sehr wacker! Es macht viel Spaß, mit den anderen Bands gemeinsam aufzutreten, das ganze fĂŒhlt sich eher an wie eine große Musikerfamilie, obwohl wir ja theoretisch alle um dieselben Veranstalter werben. Die Schnapsidee entsteht, ein RGM-Festival oder eine RGM Tour zu machen, mit einem großen Tourbus fĂŒr alle
 ;-) Wahrscheinlich in Zeiten der Rezession ein frommer Wunsch, aber man kann ja mal trĂ€umen


Ansonsten lĂ€uft heute alles gut, JĂŒrgen und ich spielen insgesamt viermal; zweimal mit 2Duos und zweimal mit Cara, und sowohl eine Gruppe von Veranstaltern aus Alaska, als auch eine Gruppe aus New Mexiko und zwei aus Kalifornien zeigen verstĂ€rktes Interesse. Alles spannende Ziele, und ich denke, wir können mit dem heutigen Abend sehr zufrieden sein.  

Die aufgestaute Anspannung entlĂ€dt sich in einem Wettrennen die Rolltreppe hinauf, gegen die Fahrtrichtung. Aly, Frasier und Johnny von Old Blind Dogs fangen damit an, und dann machen wir alle mit ;-) Es entstehen auch einige lustige Filmchen. Trish und Aly sind ein extrem explosives Gespann
 wir alle (außer den beiden) sind uns einig, besser keine Doppeltour mit den “Dogs”
 .

Als dann endlich auch das letzte Showcase vorĂŒber ist (Slide sind nach Mitternacht erst fertig!), starten wir wieder eine Session. Leider  kann uns das Barpersonal aufgrund der Gesetze in Arizona nach 2Uhr morgens noch nicht mal die vorhandenen GetrĂ€nke austrinken lassen, geschweige denn neue GetrĂ€nke servieren und so wird um uns herum  bereits geschlossen und gestaubsaugt, als wir noch spielen. Trotzdem ist es noch sehr nett, bis ich dann um 3 Uhr völlig erschöpft ins Bett gehe. 

Freitag, 5.9.: 

Den Morgen verbringen wir mit Packen, CDs zu Pat bringen und allgemeinem Band-Business, wie zum Beispiel unserem Dauerbrenner, der Bank of America, wo wir immer noch damit kĂ€mpfen, eine Überweisung auf unser deutsches Bandkonto in die Wege zu leiten, was heute dann auch endlich gelingt. Nachdem soweit alles erledigt ist, treffen wir uns in der Hotel-Lobby, von wo wir mit Melissa zusammen zu “Hooter’s” aufbrechen, das will man ja wenigstens einmal gesehen haben, wenn der Laden schon gegenĂŒber vom Hotel liegt (fĂŒr die, die’s nicht wissen: bei Hooter’s haben die Bedienungen alle kurze Hosen und enge Tops an). Außerdem ist dort Happy Hour von 14 bis 18 Uhr und alle Biere kosten zwei Dollar und Margaritas 3 Dollar. Wir genehmigen uns eine Konferenz-End-Margarita, die von einer entsprechend knapp bekleideten Kellnerin serviert wird, ansonsten ist es nicht weiter spektakulĂ€r. Dann ist es auch schon Zeit, Richtung Flughafen aufzubrechen. Heute fliegen drei von Pat’s Bands nach Kansas City zum Irish Festival; Slide, Pogey und Cara, alle mit verschiedenen FlĂŒgen (das ist gut wegen der Anzahl der Instrumente
). Melissa wird von Chris abgeholt um ebenfalls nach Kansas City zu fliegen, netterweise mit zwei Taschen voller Cara-CDs bepackt. Dem Festival eilt ein hervorragender Ruf voraus, und so sind wir gespannt und freuen uns darauf. Auf dem Weg zum Flughafen wollen wir noch einen Abstecher zum “Heart Attack Grill” machen, einem Fast-Food Restaurant mit dem Slogan “Food worth dying for”, in dem die Bedienungen als Krankenschwestern verkleidet sind, und dessen SpezialitĂ€t der “Quadrupel-Burger” ist, mit 4 Frikadellen und ohne GrĂŒnzeug ;-) Einen schönen Film gibt es auf Youtube: 

Leider fĂŒhrt uns Google-Maps in Verbindung mit unserem Navi in die Irre und so fahren wir durch halb Phoenix, nur um festzustellen, dass das Restaurant ganz woanders ist, und leider die Zeit nicht mehr reicht um dorthin zu fahren, da wir ja auch noch unseren Mietwagen abgeben mĂŒssen. Hungrig und ein bisschen enttĂ€uscht fahren wir zum Flughafen, checken unser GepĂ€ck ein, essen dann halt am Flughafen und quĂ€len uns durch die Sicherheitskontrolle. 

Trish und ich unterhalten uns mit der Erfindung einer neuen Sprache, einer Mischung aus Deutsch und Englisch, Trish kann nĂ€mlich sehr gut Deutsch verstehen und kennt auch sehr viele Vokabeln, nur die Grammatik ist schwierig. Daher mischen wir jetzt einfach ungehemmt. Auf dem Laufband schauen wir uns Flugzeuge an: “very nice Flugzeug / schönes Airplane..”, verpassen darĂŒber promt das Ende des Laufbands und stolpern filmreif ĂŒbereinander, erst ĂŒberrascht, dann kichernd ;-) schade, dass solche Momente nie auf Video festgehalten werden


Der Flug dauert 2,5 Stunden und ist nicht weiter spannend, wir ĂŒberfliegen noch zwei Zeitzonen und verlieren 2 Stunden, dadurch kommen wir um kurz vor Mitternacht Ortszeit erst in Kansas City an. Dort steht ein Shuttle-Bus fĂŒr uns bereit und wir werden von einem netten Menschen mit einem “Cara” Schild erwartet. Der Shuttle bringt uns in unser Hotel, das Hyatt Regency, ein sehr nobles Hotel, was auch noch direkt am FestivalgelĂ€nde liegt, so dass man ab der Ankunft im Hotel alles zu Fuß erledigen kann, prima! Die Luft ist angenehm feucht, nicht so trocken wie in Arizona, und es sind komfortable 27°C angekĂŒndigt. Auf der Fahrt ins Hotel ĂŒberqueren wir den Missouri River, groß und breit. Kansas City hat auch den Beinamen “Cowtown”, weil alle Rinder, die Richtung Westen transportiert wurden, diesen Umschlagplatz passieren mussten, die Stadt lag lange am Ende einer Bahnlinie. Daher ist auf dem Festivalplakat auch immer eine Kuh zu sehen, die jedes Jahr von einem anderen KĂŒnstler gezeichnet wird und immer ein Shamrock auf der Seite hat. Unsere Zimmer sind schick, und jeder bekommt an der Rezeption einen Karton mit einem Willkommens-Care-Paket vom Festival ĂŒberreicht. Darin finden sich Cookies, Pralinen, Chips, Wasser und ein netter Brief, der uns Willkommen heißt und in dem die offiziellen Essenszeiten im Backstage stehen. Alles macht einen extrem netten Eindruck, dies ist eines der Festivals, wo Musiker wie Könige behandelt werden und nicht wie Dienstleister, das macht mich immer glĂŒcklich!

Wir treffen uns mit Chris und Melissa noch in der Hotelbar auf ein Betthupferl, da wir alle zu mĂŒde sind, um noch zum Festivalpub zu fahren, wo die After-Show-Party steigt, und so gehen wir dann auch zĂŒgig ins Bett. 

Samstag, 6.9.: 

Um 10:30 treffen wir uns mit unserer Betreuerin, die den schönen Namen Gretchen Ryan hat, in der Lobby. Gretchen hat keine deutschen Vorfahren, aber ihre Eltern mochten den Namen – wobei “Grretschen” auf amerikanisch
 aber egal. Gretchen ist sehr nett und organisiert uns einen Golf-Wagen, der unsere CDs und die schweren Sachen zur BĂŒhne transportiert und begleitet uns selbst zu Fuss zum Festival. Auf dem GelĂ€nde gibt es zwei große BĂŒhnen und zwei kleinere BĂŒhnen, sowie Veranstaltungen im Kinosaal, alles im Vergleich zu Milwaukee eher klein, aber im Vergleich mit Europa natĂŒrlich immer noch sehr groß. NatĂŒrlich gibt es auch wieder viele StĂ€nde mit glitzernden grĂŒnen Sachen, T-Shirts (“kiss me, I’m Irish”) und auch die hiesigen Springbrunnen sind zum Irish Fest grĂŒn gefĂ€rbt (igitt);-). Hinter unserer BĂŒhne, die im Eisstadion aufgebaut ist, befindet sich in den Umkleidekabinen der EislĂ€ufer das Haupt-Backstage.

Dort gibt es FrĂŒhstĂŒck, Mittag- und Abendessen sowie alle GetrĂ€nke kostenlos fĂŒr die Musiker und Helfer, und jeder Wunsch wird einem erfĂŒllt. Sogar einen Masseur hat das Festival angestellt, dessen Aufgabe es ist, verspannte Musikermuskeln zu lockern und in einen spielfĂ€higen Zustand zu versetzen. Das versetzt wiederum uns in Begeisterung, denn nach fast vier Wochen auf Tour, in Flugzeugen, Bussen und Autos, ist das mehr als nötig. Also frĂŒhstĂŒcken wir und lassen uns dann nacheinander durchkneten, bis es auch schon Zeit ist und wir auf die BĂŒhne gerufen werden. Unser Konzert beginnt um halb zwei, und wir waren nicht sicher, wie viele Menschen zu der Zeit wohl schon da sein wĂŒrden, aber die Sorge war völlig unbegrĂŒndet, der Platz ist vollbesetzt und das Publikum in Hochstimmung. Der Sound ist leider wieder mal nicht optimal, zu wenig Zeit fĂŒr einen guten Soundcheck und seltsame EQ-Einstellungen sowohl auf unseren Monitoren als auch in der Front -  aber wir spielen trotzdem mit Vollgas und werden vom Publikum auf HĂ€nden getragen, die AtmosphĂ€re ist euphorisiert und es macht großen Spaß, fĂŒr die Leute zu spielen. Nach dem Konzert setzt ein Ansturm auf unsere CDs ein, wie ihn das Festival wohl schon lange nicht mehr erlebt hat, das sagt uns zumindest Tamara, die das Merchandise-Zelt leitet. 

Wir geben Autogramme, bis wir unsere Namen nicht mehr schreiben können, danach machen Trish und ich noch ein kurzes Interview mit dem lokalen Radio, und dann ziehen wir uns an die Seite der BĂŒhne zurĂŒck, wo – noch so ein liebevolles Detail – eine kleine Bar aufgebaut ist, und eine Sofa-Sitzgruppe unter einem Pavillon zum gemĂŒtlichen Verweilen einlĂ€dt, und so kann man sich dann entspannen und gleichzeitig die nĂ€chste Band anhören. 

VishtĂšn, die wir ja schon in Milwaukee getroffen hatten, sind nach uns dran und spielen wieder ein sehr schönes Konzert, die Musik ist wirklich toll! Nachdem wir etwas gegessen haben, setzen JĂŒrgen und ich uns ins Hotel ab, um ein bisschen Mittagschlaf zu machen und uns fĂŒr den weiteren Abend fit zu machen. Die anderen gehen Slide anhören, und dann treffen wir uns alle um 19:30 wieder am Kino, wo Melissa und Chris Karten fĂŒr Ardal O’Hanlon besorgt haben, einen irischen Comedy-Star, den wir alle aus der irischen Kult-Comedy “Father Ted” als Father Dougal McGuire kennen und lieben. Als Vorgruppe tritt ein lokales Improtheater - Trio auf, die auch recht witzig sind. Aber kein Vergleich zu Ardal, der den Saal bestens unterhĂ€lt mit seiner ganz eigenen Mischung aus ‘ernsthaften’ Witzen (Betrachtungen ĂŒber die Unterschiede zwischen Irland und Amerika etc.), und den von Father Dougal geprĂ€gten skurrilen SprĂŒchen wie “what did crows do in their spare time bevor telephone wires were invented”? Wir amĂŒsieren uns prĂ€chtig und anderthalb Stunden sind schnell vorbei. JĂŒrgen und ich sind hungrig geworden und machen uns im Backstage auf die Suche nach Essbarem (leider gibt es Barbecue, ich bin ja bekanntermaßen kein Fan davon, aber ich finde was). Bei Pogey treffen wir uns alle wieder, die spielen auf der anderen BĂŒhne, die zwar kleiner ist, aber dafĂŒr mit einer Videoleinwand ausgestattet, was auch super aussieht.

Wir gehen ins dortige Backstage und treffen dort Slide und VishtĂšn wieder. Es herrscht eine sehr kollegiale und freundschaftliche AtmosphĂ€re, nicht nur zwischen den RGM-Bands sondern auch mit VishtĂšn verstehen wir uns alle gleich sehr gut. Das ist einfach das Schöne an Folkmusik. 

Die Slide-Jungs hotten bei Pogey richtig ab, die auf einer solchen BĂŒhne auch viel eher ihre StĂ€rken als Rockband ausspielen können, als bei den WAA-Konferenz-Showcases. Wir treffen auch noch ChloĂ©, die Tontechnikerin von Slide, die ich auch richtig nett finde, und fragen sie, ob sie Lust hĂ€tte, uns morgen abzumischen – wir wollen wenigstens das letzte Konzert noch einmal mit gutem Sound spielen. Sie ist einverstanden, und wir freuen uns umso mehr auf morgen. Nach dem Ende des Pogey-Gigs steigen wir alle in einen Shuttle-Bus (in dem die Musik der Festivalbands lĂ€uft – noch so ein kleines, liebevolles Detail) und fahren zum “Raglan Road” Pub, wo die offizielle After-Show Party steigt.

Im Pub spielt zu unserer großen Überraschung Colin Farrell, ein super Geiger aus Manchester, der mittlerweile in den Staaten lebt, und der vom Pub fĂŒr die Party engagiert worden ist. Er lĂ€dt die Festivalmusiker nach und nach zu sich auf die BĂŒhne ein (leider habe ich zwar eine Geige, aber kein Kabel dabei, deswegen muss das bis morgen warten), und dazu wird getanzt, sogar auf den Tischen (eine SteptĂ€nzerin, wohl Colins Freundin, legt einen richtig guten Steptanz auf dem Tisch hin, in einem sehr ansprechenden Kleid – alle sind begeistert, vor allem auch die MĂ€nner
).

Im VIP-Bereich gibt es GetrĂ€nke und leckere Kleinigkeiten zum Essen umsonst, dort machen wir es uns gemĂŒtlich. Leider ist es zu laut, um eine Session zu starten, aber es ist auch so nett, man trifft die anderen Musiker, und Festival-Organisatoren sowie Crew; und wir unterhalten uns nett bis der letzte Shuttle fĂ€hrt (ca. 2 Uhr), dann gehen wir ins Bett, denn morgen ist ja das letzte Konzert und das soll ja gut werden


Sonntag 7.9.:

Trish war noch bei der After-Aftershowparty, im Hyatt Hotel im 39. Stock (!) hat das Festival zu diesem Zweck eine Suite gemietet, in der noch weiter gefeiert wird, wenn der Pub schließt. DafĂŒr ist sie in erstaunlich gutem Zustand, als wir uns um 12:30 im Backstage treffen, um den Technikplan mit ChloĂ© durchzugehen. Eamonn von Slide beginnt den verkaterten Tag mit einem FrĂŒhstĂŒckspint ;-) – wir anderen sind brav. 

Um 14 Uhr sind wir wieder auf der State Street Stage, dieses Mal aber mit eigener Technikerin, und wenn auch der BĂŒhnensound fĂŒr uns immer noch mies ist und wir uns kaum hören, hört man jetzt wenigstens, dass “draußen” alles an ist und man auch mal Pipes hört und die zwei Geigen voneinander unterscheiden kann usw. – und das versetzt uns in Hochstimmung, und damit auch das Publikum. Heute spielen wir endlich mal wieder das Onkel-Set und heute glaubt Claus nach dem “Mindmover”, dass er ein Verkehrspolizist namens “Chad” ist, und dirigiert drei Stunden lang unsichtbare Autos, bis er schließlich eine Katze verhaftet, weil sie unerlaubt links abgebogen ist – ich lache TrĂ€nen! Wo nimmt Trish bloß die Ideen her?!!

Wir feiern alle gemeinsam und mit einem euphorischen Reelset, bei dem alle von ihren SitzplĂ€tzen aufstehen und tanzen und mitklatschen endet dann das letzte Konzert dieser Tournee. Noch einmal unterschreiben wir am CD-Stand alles, was man uns hinhĂ€lt, bis dann die CDs alle ausverkauft sind. Von unseren 200 CDs und 60 DVDs sind noch 18 DVDs ĂŒbrig, das ist fĂŒr zwei Konzerte ein sehr guter Schnitt, und Tamara erklĂ€rt uns zum “best-selling Act of the Festival”. Nach dem Freudentaumel folgt bei mir und Trish erst mal ein emotionaler Moment, in dem wir uns um den Hals fallen (Tour vorbei, Erschöpfung, Erleichterung
), dann will aber direkt schon wieder jemand ein Interview mit mir machen fĂŒr eine Website.

Wir treffen uns im Backstage wieder und essen was, bedanken uns alle bei ChloĂ©, die unter diesen UmstĂ€nden einen  Spitzensound gezaubert hat,  ich gönne mir nochmal eine Massage, dann wird mit den CD-VerkĂ€ufern abgerechnet und dann gehen JĂŒrgen und ich ins Hotel, ich mache ein Nickerchen, JĂŒrgen hĂŒpft in den Pool, Rolf und Trish gehen derweil ein Steak essen. 

Bei Slide treffen wir uns dann wieder, die den Abend-Slot auf unserer BĂŒhne haben. Auch hier ist das Publikum super drauf, und die Jungs geben alles (Daire hĂŒpft wie ein Wahnsinniger auf der BĂŒhne herum!)! Pogey und wir schauen das Konzert gemeinsam an, und auch wir wagen ein TĂ€nzchen neben der BĂŒhne. 

Danach geht es zum Grande Finale auf die andere BĂŒhne, auf der die Lokalmatadoren “The Elders” gerade ihr letztes StĂŒck, ein Police-Cover (“Message in a Bottle”) zum Besten geben, bei dem der LeadsĂ€nger original wie Sting klingt! Alle Musiker werden auf die BĂŒhne geholt, die dafĂŒr eigentlich viel zu eng ist, die andere wĂ€re grĂ¶ĂŸer gewesen.. und wir singen (wieder einmal) “Wild Mountain Thyme” und danach noch “Kansas City, here I come” (Eine alte Bluesnummer, die ich vorher nicht kannte), dummerweise bin ich ausnahmsweise mal ‘plugged’ mit meiner Geige – außer mir nur noch Colin von Pogey, ich dachte, wir spielen noch Tunes! Stattdessen zeigt der “Elders” – SĂ€nger mit dem Finger auf mich und sagt “Fiddle-Solo” bei Mountain Thyme. Das geht ja noch, in G, und ich kenne das Lied – beim zweiten Song verstecke ich mich dann vor ihm so gut es geht und halte mich an die Akkorde, gut dass ein Saxophonist da ist, der das obligatorische Solo zuversichtlich ĂŒbernimmt! ;-)

Das Festival endet mit vielen Umarmungen, gegenseitigen Komplimenten und viel Applaus. 

Schöner Moment, als JĂŒrgen und Eamonn von Slide sich gegenseitig sagen wollen, wie toll sie die jeweils andere Band finden, ohne zu merken, dass sie aneinander vorbeireden
 Auf jeden Fall ist die gegenseitige Hochachtung groß und das Konkurrenzdenken klein und das ist wirklich schön. Raglan Road wartet auf uns, und dieses Mal sind wir auch vorbereitet und kommen Colins Einladung auf die BĂŒhne nach. Wir spielen ein langes Tuneset und JĂŒrgen reißt eine Saite (war das die erste auf dieser Tournee? Ich glaube schon!), dann widmen wir uns dem Freibier. Trish, ChloĂ© und ich tanzen noch sehr engagiert, man trifft noch einmal alle Kollegen und dann gehen Rolf und JĂŒrgen ins Bett, Claus und ich bleiben noch ein bißchen bis zum ĂŒbernĂ€chsten Shuttle (mein Weinglas war noch voll) und gehen dann, Trish bleibt natĂŒrlich noch bis zum Schluss – und bis zum 39.Stock!

Montag 8.9.: 

Um neun Uhr frĂŒh erwartet uns der Shuttle zum Flughafen, Gretchen und Cami haben sogar fĂŒr FrĂŒhstĂŒck in KĂŒhltaschen gesorgt, welches wir auf dem Weg zum Flughafen verspeisen. Hier wird wirklich an alles gedacht!!! Ansonsten sind wir mĂŒde und verkatert. Trish hat eine halbe Stunde geschlafen, wir anderen so zwischen 5 und 6
 Pogey mĂŒssen zum selben Flugzeug, allerdings stellt sich beim Einchecken heraus, dass ihre Reiseagentur den Flug zwar bestĂ€tigt und das Geld eingezogen hat, aber keine Buchung bei der Airline durchgefĂŒhrt hat – und so lassen wir fĂŒnf ratlose Musiker mit kistenweise Backline und einem Anschlusskonzert am Abend zurĂŒck – die Armen!

Der Flug nach Chicago ist kurz und ereignislos, im Wesentlichen schlafe ich, soweit möglich. 

In Chicago machen wir Endabrechnung und gehen gemeinsam ein letztes Mal essen, dann trennen sich unsere Wege und wir steigen in den Lufthansa Jumbo-Jet und Trish in den Air Lingus Flieger nach Dublin. 

Der RĂŒckflug ist extrem unbequem, wir sitzen in der Economy Class eng wie die Sardinen und der alte Jumbo hat noch nicht mal Monitore an den Sitzen, sondern kleine Bildschirme irgendwo drei Sitzreihen vor uns, auf denen nacheinander drei (!) Kinderfilme gezeigt werden, ohne Programmwahl natĂŒrlich, die man anschauen kann oder sich langweilen. Das Essen ist auch nicht gut, und weil ich so froh bin, dass ich den Kater los bin, will ich noch nicht mal Alkohol trinken, um die Situation  ertrĂ€glicher zu machen – und so langweilen wir uns eben bis Frankfurt. Auch das geht vorbei. In Frankfurt feiere ich die Ankunft in Deutschland mit einem belegten Roggen-Schinkenbrötchen . Dann trennen sich endgĂŒltig unsere Wege, Rolf und Claus fahren mit dem Zug gen Norden, JĂŒrgen und ich nach SĂŒden. 

Es war wieder einmal eine erlebnisreiche, schöne, anstrengende, erfolgreiche Tournee. Danke dass auch ihr (lesend) dabei wart, die Fortsetzung folgt im MÀrz 2010!

 

Gudrun