Tourtagebuch 3. USA-Tour
Sa, 6.9.2008: Es ist mittlerweile September und es ist nur fünf Monate her, dass wir amerikanischen Boden unter den Füßen hatten, deswegen fühlt sich auch alles bereits ein bisschen wie Routine an. Wir treffen uns wie immer in Frankfurt, steigen mit vielen anderen Menschen in eine große, fliegende Metallröhre mit Polstersitzen und drei Filme und zwei Mahlzeiten später ist man in Amerika! Nur eines ist diesmal anders: Sandra kann diesmal nicht dabei sein! Für sie ist Amanda Kehoe aus Irland eingesprungen, die wir bei unserer Ankunft in Amerika treffen werden...
In Detroit steigen wir um in das Flugzeug, was uns an unseren Bestimmungsort bringt, und der heißt dieses Mal Memphis, Tennessee. Hometown of Elvis! Beide Flüge sind sehr angenehm (wir fliegen mit NWA, nicht mit US Airways). In Memphis holen wir unser Gepäck und treffen Robert und Renate, unsere Veranstalter, sowie Amanda, die aus Dublin über Chicago hierher gekommen ist. Alle Koffer sind da, alle Instrumente heil geblieben: die Tour kann beginnen.
Zusammen fahren wir unseren Mietwagen abholen. Wir müssen zwei Autos probepacken, bis wir das geeignete Fahrzeug finden. Es ist ein Dodge Caravan, und mit etwas Geschick passt alles einigermassen bequem hinein. Dann fahren wir zum Haus von Renate, die seit 1967 hier in den USA wohnt aber eigentlich aus der Gegend von München stammt, und uns für die nächsten drei Nächte hier beherbergen wird. Sie hat ein schönes, großes, altes Haus in dem wir alle Platz haben. Nach einem liebevoll zubereiteten kleinen Imbiss fallen wir zufrieden in die Betten.
So, 7.9.: Der Jetlag hält sich in Grenzen, nach guten 9 Stunden Schlaf stehen wir um halb acht auf und fühlen uns fit. Nur Claus hat eine fiese Erkältung und hat seine Stimme verloren – er kann nur noch flüstern! Renate macht uns Frühstück mit Eiern und Speck, sehr lecker! Um 12 fahren wir an den Ort des Geschehens, das Pink Palace Theater, wo einst ...Saunders wohnte und welches heute ein Museum, einen Kinokomplex und ein Theater beherbergt. Wir machen Soundcheck und dann proben wir mit Amanda noch einmal das Set durch. Wir arbeiten konzentriert, die Zeit vergeht wie im Flug und dann ist es auch schon nur noch eine halbe Stunde, bis das Konzert beginnt!
Schnell umziehen und schon stehen wir zu unserem ersten Konzert der Tournee und dem ersten Konzert mit Amanda auf der Bühne. Es läuft gut, Amanda fügt sich prima ein und wir sind alle sehhr zufrieden. Das Publikum ist begeistert, und dankt uns mit Standing Ovations – das freut uns natürlich!
Nach dem Abbau laden Robert und Renate uns in ein Restaurant mit Microbrewery ein, es heißt... „BOSCO’s“. Das ist natürlich sehr nett (so heißt mein Pferd). Aber es gibt kein Pferdefleisch, sondern Steaks – ganz zart und lecker, mit Garlic Fries... und dazu leckeres Bier. Wir sind glücklich.
Nach einem guten Malt Whisky bei Renate gehen wir ins Bett.
Mo, 8.9.: Heute ist Touristentag, wir erkunden Memphis! Nach dem Frühstück fahren wir los Richtung Graceland, vorbei an den Sun Studios, wo Elvis seine ersten Songs aufgenommen hat. Graceland ist eine riesige Touristenmaschine, mit zwei Privatjets von Elvis, die man besichtigen kann, einem Auto-Museum et cetera. Wir buchen für 27 Dollar die „Mansion Tour“, also nur das Haus von Elvis. Sehr interessant, das alles mal gesehen zu haben. Es gibt sehr viele Geschmacklosigkeiten, aber überwiegend entsteht der Eindruck, dass Elvis ein sehr bescheidener, bodenständiger Mensch gewesen ist, für den Live-Musik einfach das Größte war. Sehr sympathisch! Es ist übrigens sehr heiß, über 30°C, und der ständige Wechsel zwischen klimatisierten Innenräumen und feucht-heißer Luft ist ziemlich anstrengend...
Als nächstes fahren wir zum Missisippi, über die große Brücke und wieder zurück und dann zum Metal-Museum, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf den Fluss hat – schon Mark Twain hat das gesagt. Deswegen will ich da auch unbedingt hin. Rolf ist hungrig und will etwas essen, Tiger und Claus sind in der Bierdurstphase – nur Amanda möchte auch den Fluss sehen. Obwohl wir in der Minderheit sind, setzen wir uns durch. Der Blick ist wirklich schön. Nur leider hat jemand in der Zwischenzeit das Eingangstor abgeschlossen, als wir auf dem Gelände waren; wir sind eingesperrt! Gut, dass ich eine Frau sehe, die gerade vor einem der Gebäude aus einem Auto steigt, und noch besser, dass sie auch den Code für die Tür kennt!
Wieder in Freiheit fahren wir ins Zentrum von Memphis und suchen uns ein Lokal. „The Flying Saucer“ entpuppt sich als erste Wahl. Es gibt leckeres Essen, deutsches Bier (Franziskaner) und Kellnerinnen in knappen Miniröcken. ;-) Hier nehmen wir die Vorspeise ein – später wollen wir ja noch richtig essen gehen. Anschließend schlendern wir noch kurz durch die Beale Street, die Wiege des Blues in Memphis. Hier hat auch BB King seine Bar, in der jeden Abend Live-Musik ist. Hierher wollen wir später zurückkehren.
Aber erst einmal fahren wir zurück zu Renate, wo wir eine kleine Session starten, bis Robert und Renate von der Arbeit zurückkommen. Weil wir von der lokalen Spezialität (Catfish) schon so viel gehört haben, beschließen wir, in ein Fischrestaurant zu gehen. Es heißt „Soulfish“. Wir essen „Blackened Catfish“, also Wels mit lokaler Gewürzmischung, ein bisschen scharf, mit leckeren Gemüsebeilagen, besonders hervorzuheben ist das Maisbrot, was in Muffin-Form kommt und prima schmeckt.
Gestärkt und eigentlich bettreif ziehen wir los Richtung Beale Street, von Robert gewarnt, dass das eigentlich alles nur Touristen-Nepp sei, da wegen Straßenkämpfen eine Zeit lang alle Blues-Bars geschlossen worden waren, und dann die ganze Straße quasi wieder eröffnet wurde, aber eben als Touristen-Attraktion. Nichts desto trotz suchen wir uns ein Plätzchen in BB King’s und hören uns eine Band um einen Gitarristen und Sänger an, der zweifellos sehr virtuos ist, aber auch sehr von sich überzeugt. Schon bevor er das erste Stück spielt, sagt Amanda „this guy really annoys me“ ;-) Außer ihm gibt es einen Hammond-Orgel-Spieler, der auch singt, einen Bassisten und einen Schlagzeuger. Der Bassist spielt ein wunderbares Solo, wirklich inspiriert und nicht auf Effekte ausgelegt. Ansonsten ist es wirklich ziemliche Touri-Mucke. Natürlich darf auch Hendrix-Einlage mit der Zunge nicht fehlen (Amanda hatte das noch nie zuvor gesehen und ihr bleibt der Mund offen stehen, was dann natürlich schon wieder lustig ist.) Ansonsten endet das Konzert mit einem Gitarrensolo und anschließendem Zertrümmern des Instruments – das kann ich einfach nicht nachvollziehen...
Bemerkenswert sind die Gestalten, die sonst noch so auf der Straße und in den Bars herumlaufen. Alles macht doch einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck, und so gehen wir dann auch, nachdem bereits wenige Sekunden nach dem Verenden der Gitarre die Stühle auf die Tische gestellt werden. Auf dem Weg zum Auto passieren wir den letzten armen Droschkengaul, dessen Herrchen nicht einsehen will, dass hier nichts mehr zu verdienen ist und der deswegen ausharren muss bis nach Mitternacht, ohne Futter und ohne Wasser auf dem heißen Asphalt. Grr! Mein Eindruck von Memphis ist durchaus gespalten. Auch der Kontrast zwischen dem Villenviertel, in dem wir untergebracht sind, und den Baracken in den ärmeren Wohngegenden ist wirklich groß.
Nach diesem ereignisreichen Tag gehen wir ohne Umwege ins Bett und schlafen tief und fest.
Di, 9.9.: Der Wecker klingelt um kurz nach acht, heute fahren wir nach Florence in Alabama, wo ein Fünf-Sterne- Hotel mit Wellness-Bereich auf uns wartet. Da dies wahrscheinlich die luxuriöseste Unterbringung der Tour sein wird, wollen wir früh aufbrechen, um davon noch was zu haben. Vorher allerdings müssen wir noch in den Apple-Shop, um ein neues Ladegerät für mein Laptop zu kaufen, und zu Walgreen’s, um Zubehör für unsere Wohltätigkeitsverlosung, an der alle Bands von Pat teilnehmen, und deren Erlös dem Kulturzentrum CSPS von Cedar Rapids zugute kommt, wo wir auf der letzten Tour waren, und was bei der Flutkatastrophe ziemlich große Schäden erlitten hat. Schön ist, dass ich „Apple-Shop“ sage und Claus sagt „au ja, mal ein paar Vitamine kaufen!“ – ausgerechnet der Software-Experte unserer Band denkt, ich rede vom Obstladen ;-)
Die Straße durch Tennessee und Alabama ist hügelig und gesäumt von grünen Wäldern, Feldern und großen, wohlhabend aussehenden Südstaaten-Ranches.
Unser Hotel ist sehr schön, und Rolf, Jürgen und ich gehen erst einmal eine kleine Runde schwimmen. In einer Stunde sind wir mit Scooter, unserem Veranstalter, in der Hotellobby verabredet. Vorher hatte er versucht, mir am Telefon zu erklären, wie wir zum Venue kommen, obwohl wir doch eigentlich ein Navi und die Adresse haben – und weil der Empfang so miserabel war, muss er dann gedacht haben, ich bin schwer von Begriff, weil ich so oft nachgefragt habe – worauf er beschlossen hat, uns abzuholen, damit nichts schief geht.
So werden wir zur Florence High School geleitet, wo heute abend das Konzert stattfindet. Das Auditorium ist riesig! Das Team ist sehr nett und wir machen einen relativ entspannten Soundcheck trotz der Größe der Halle. Dann gehen wir essen, weil Scooter sagt, dass nach dem Konzert alles geschlossen hat. Er beschreibt uns den Weg zu einem Steak-und-Sushi-Restaurant namens „Osaka“ und weil Scooter meint, der Weg sei einfacher zu beschreiben, als ihn ins Navi einzugeben fahren wir ohne Navi los. Das war ein Fehler: wir biegen falsch ab, verirren uns, weit und breit kein „Osaka“ und den Rückweg zur High School finden wir auch nicht mehr! Also rufen wir Scooter an („we’re lost!“) und beschreiben ihm, was wir sehen, wenn wir aus dem Fenster schauen – und so lotst er uns fernmündlich zum Restaurant.
Das Restaurant ist ein Erlebnis. Jeder Tisch hat eine eigene Kochstelle, wo der Koch das Essen frisch vor den Augen der Gäste zubereitet. Das geht natürlich nicht ohne Show: erst einmal hackt und jongliert er mit seinen Werkzeugen wie ein wildgewordener Ninja, dann zündet er eine Stichflamme mit heißem Fett, dann wird geschnippelt, gebrutzelt und gewürzt und schon ist das Essen fertig. Jürgen, Amanda und Rolf essen Steak, Claus und ich essen Sushi. Es schmeckt gut, aber nicht außergewöhnlich gut. Scooter kommt extra zum Restaurant gefahren und überreicht uns einen Zettel mit der Adresse der High School, damit wir unser Navi benutzen können. Den lässt Claus folgerichtig auf dem Tisch liegen, wo er sofort und gründlich vom Personal entsorgt wird und nicht wieder aufzutreiben ist. Das Gelächter ist groß, wir stellen uns vor, was Scooter wohl von uns denken würde, wenn wir jetzt wieder anrufen würden, beziehungsweise was er vermutlich jetzt schon über uns denkt („nette Band, aber zu dumm, um sich zurechtzufinden“)...
Nach dem Weg fragen können wir selbstverständlich auch nicht, denn wir haben ja drei Männer dabei, und ein Mann fragt niemals nach dem Weg. Deswegen versuchen wir es mit dem Try-and-Error-Prinzip, was uns tatsächlich ans Ziel bringt! Wir ziehen uns um im Kostümfundus der High-School, wo Rolf uns alle mit einer kleinen Aladdin-Imitation erfreut (Turban und nackter Oberkörper), und wir uns noch ein bisschen einspielen. Dann ist es auch schon Zeit, auf die Bühne zu gehen.
Das Konzert läuft bestens, wir sind in Hochform und die Zeit vergeht wie im Flug. Schon ist Pause, wir verkaufen CDs und Lose für unsere Lotterie. Nach der Pause ziehen wir die Gewinner, Rolf mit Megaphon und Schirmmütze, Amanda als Lottofee mit Turban, und ich mit Cowboyhut. Die zweite Konzerthälfte ist noch besser als die erste, wir sind richtig im Fluss und das Publikum geht mit, alles ist bestens. Zum Ende gibt es enthusiastische Standing Ovations, die Halle kocht, wir freuen uns schon auf eine Zugabe, denn wir haben auch noch richtig Lust, zu spielen – und dann ist, schwuppdiwupp das Publikum weg! So kann’s gehen in Amerika! Man vergisst es immer wieder, vor allem wenn man viel in Deutschland spielt, wo zwei Zugaben normal und drei keine Seltenheit sind.
Nach dem Abbau und der Abrechnung gehen wir ins Hotel, wo wir auf der Terrasse der Hotelbar gemütlich um ein Gasfeuer sitzen (nicht dass es kalt wäre, im Gegenteil!), mit Blick auf den Pool, und einen Absacker trinken. Die Bar schließt schon bald, aber wir amüsieren uns prächtig, und so kommt es, dass Claus, Jürgen, Amanda und ich zu vorgerückter Stunde noch einmal die Badesachen holen und in den Pool hüpfen. Herrlich! Um halb vier gehen wir dann auch ins Bett. Jetlag überwunden!
Mi, 10.10.: Eine müde Truppe trifft sich am Auto, außer Rolf, der gestern vernünftig war und ins Bett gegangen ist, und wir steuern erst einmal einen Platz an, wo man frühstücken kann. Wir halten bei „Jack’s“ und essen Burger. Mein Burger ist nicht gut und begleitet mich geschmacklich treu über den halben Tag. Igitt! Heute fahren wir nach Nashville, Music Town, Wiege des Bluegrass...
Irgendwie kommt das Gespräch auf Rotkehlchen (in Englisch „Red Robin“), und später auf eine Restaurantkette, in der wir auf der vorletzten Tour mal waren, welche auch „Red Robin“ heißt. Rolf sagt „oh yes! Red Robin! Buffalo Burger!“ (weil er das dort gegessen hatte) – und Amanda denkt, Rolf spricht von einem Rotkehlchen-Büffel-Burger!
So verbringen wir die zweieinhalbstündige Fahrt und dann liegt Nashville vor uns. Es ist viel größer als ich dachte, größer als Memphis, mehr Hochhäuser... Wir wohnen im Best Western in der Music Row, wo die ganzen Tonstudios sind. Nach einer kurzen Beratung ziehen wir los und erkunden die Stadt. Hier ist wirklich eine Bar an der anderen, und überall ist gute Livemusik, selbst nachmittags! Eine ganze Stadt kreist um die Musik, jeder Zweite spielt irgendein Instrument (so kommt es uns zumindest vor). Wir laufen an der „Grand Ole Opry“ vorbei, dem Theater, in dem „Down From The Mountain“ gefilmt wurde, das Konzert zum Film „O Brother, Where Art Thou“, und in dem damals Bill Monroe zusammen mit den Herren Flatt und Scruggs den Bluegrass erfunden hat. Ein tolles Gefühl!
Dann gehen wir in ein Barbecue-Restaurant. Rolf ist im Glück, Tiger und der Onkel sind immerhin zufrieden, Amanda und ich schieben unser Essen von rechts nach links auf dem Teller – ich finde es ziemlich ungenießbar. Auch dieses Restaurant heißt zufälligerweise „Jack’s“ und daraus schließe ich: Jack wird heute nicht mehr mein Freund! Deswegen gehen wir danach auch noch mal in ein Café, wo ich eine Tomatensuppe mit Toast esse, und dann noch zu Mc Donald’s, damit Amanda ihre Chicken-Nuggets bekommt. Dann sind wir alle satt.
Wir beschließen, in das Konzert von Jim Lauderdale im „Station Inn“ zu gehen, was sich als gute Idee erweist, denn das Konzert ist phantastisch. Jim und eine fünf- bis sechsköpfige Band mit 5-string Banjo, Mandoline, Bass, Dobro, Gitarre und bisweilen sogar zwei Geigen gehen richtig gut ab. Toller Harmoniegesang, virtuose Instrumentals... Wirklich super. Wir kaufen eine CD. Und auch hier, obwohl das Publikum enthusiastisch mitgeht und immerhin ein Grammy-Gewinner auf der Bühne steht, gibt es keine Zugaben!
Nette Anekdote: Als ich einen Verdauungswhisky in der Bar nebenan trinken will, will mir die Barkeeperin keinen geben, weil ich meinen Ausweis nicht dabei habe, und sie mir nicht glaubt, dass ich schon 21 bin. Da helfen auch meine Beteuerungen „but I’m over 30!!“ nicht weiter, weil sie natürlich denkt, ich will sie für dumm verkaufen – Amerika!
Nach dem Konzert fahren wir ins Hotel, Rolf und Amanda gehen schlafen, Claus, Jürgen und ich gehen noch auf ein Bier in eine Kneipe gegenüber, wo wir mit ein paar Einheimischen ins Gespräch kommen. Es geht um die bevorstehenden Wahlen und die Kandidaten – sehr interessant, mal mit ein paar Amerikanern darüber zu reden. Allerdings sind alle drei Obama-Anhänger und deswegen sind wir uns natürlich schnell einig, aber wirklich ein interessanter Einblick. Dann sind wir bettreif und die Bar schließt – ein erlebnisreicher Tag!
Do, 11.9.: Nach dem Frühstück im Hotel gehen Rolf und Amanda shoppen, ich schreibe Tourtagebuch, Jürgen liest und Claus telefoniert. Um 12 treffen wir uns zur Abfahrt nach St. Louis. Die Reise führt durchTennessee, Kentucky, Illinois und schließlich Missouri. Besonders Kentucky besticht durch eine schöne Landschaft. Wir arbeiten im Auto mit unseren Laptops, schlafen und hören die CD von Jim Lauderdale („Bluegrass Diaries“), sehr schön! Auch das Musikquiz mit den iPhones von Rolf und Jürgen ist gut. Einfach auf die Musikwiedergabe auf Zufall stellen und dann raten, welche Band spielt.
Ein Zwischenstopp bei „Backyard Burger“ ist sehr überzeugend, wir sind schon gespannt auf den Direktvergleich mit unseren bisherigen Favoriten „Five Guys“ und „Culver’s“. In St. Louis suchen wir unser Zuhause für die nächsten zwei Nächte. Wir spielen im „The Dubliner“ und wohnen in einem Apartment darüber. Der „Dubliner“ ist ein riesiger Pub in der ehemaligen Fabrikhalle einer Hutfabrik, alles ist original irisch, es gibt exzellentes Guinness, irische Schokoriegel... Eddie begrüßt uns herzlich und erklärt uns, dass wir für die nächsten 2 Tage hier Gäste sind: Getränke und Essen umsonst! Wir checken in unser Apartment ein, was ein Loft im zweiten Stock über dem Pub ist, allerdings etwas dreckig – aber dafür gibt’s Freigetränke, dann fällt einem das nicht mehr so auf.
Wir arbeiten noch ein bisschen, Jürgen übt Gitarre, dann gehen wir runter und essen, lecker Steak und Lammteller, alles frisch aus der Region von artgerecht gehaltenen Tieren! Hmmm! Danach wollen wir eigentlich Session spielen, aber die riesige Halle ist sehr laut, und wir werden gar nicht wahrgenommen. Dann ziehen wir in einen Nebenraum um, dort hört man sich besser, ist aber sonst keiner, und die Decke ist offen, so dass man die Musikanlage aus dem Nebenraum hört, die auch prompt wieder in voller Lautstärke losdudelt, als wir eine kleine Pause einlegen. Das war’s dann mit Live-Musik. Wir packen die Instrumente ein (schade!), und wenden uns der Whiskeykarte zu, allerdings sind wir sehr vernünftig und gehen um Mitternacht brav ins Bett.
Fr, 12.9.: Heute ist „All you can sleep“ angesagt, und das gelingt uns auch ganz gut. Gegen 11 gehen wir runter zum Frühstück und bestellen ein Full Irish Breakfast, allerdings gibt es ein Missverständnis nach dem anderen. Erst bestellen Claus, Jürgen und ich „Tea“ und bekommen Ice Tea! Das wird geklärt und es kommen Teekannen und Tassen, allerdings ohne Löffel und ohne Milch. Claus bestellt Milch, es kommen Zitronenscheiben. Ich gehe an die Bar und bestelle Milch, die bekomme ich auch, aber die schmeckt seltsam.
Das Frühstück kommt mit je einer kleinen Scheibe Schwarzbrot, Claus bestellt Toast für alle („sure!“) und bekommt weitere drei Scheiben Schwarzbrot! Wir geben auf! Dann trennen wir uns und gehen auf Entdeckungstour und da der „Dubliner“ mitten im Stadtzentrum liegt, ist alles in Laufweite. Die mutigste Exkursion machen sicher Claus und Rolf, die den berühmten St Louis-Arche (ein 192 Meter hoher Bogen) nicht nur von außen besichtigen, sondern innen mit einer Art Fahrstuhl hochfahren und oben hinausschauen. Nichts für mich! Aber die Bilder sind beeindruckend.
Ich finde es auffallend, dass viele amerikanische Städte keine richtigen Innenstädte haben, mit Fußgängerzone und Läden, so wie wir das in Europa kennen. Alles konzentriert sich auf Shopping Malls, oder wenigstens riesige Kaufhäuser so wie bei uns Kaufhof oder Karstadt, aber es gibt keine Boutiquen in den Strassen und kaum Fußgängerzonen. Man fährt hier mit dem Auto. Nach gut 20 Minuten in der schwülwarmen Sonne ist mir auch klar, wieso: Jürgen und ich sind völlig durchgeschwitzt, ohne uns übermäßig bewegt zu haben, und nach einer Stunde kapitulieren wir und suchen Schutz im klimatisierten Starbucks, wo wir bei Iced Vanilla Latte die Zeitung lesen und uns über Frau Palin aus Alaska wundern.
Der Soundcheck geht relativ reibungslos, da das Pult in Tigernähe steht und daher nicht der lokale Verantwortliche, sondern Jürgen die Einstellungen macht. Danach proben wir noch ein paar neue Tune-Sets, die wir als Zugeständnis an die Pub-Besucher ins Programm nehmen wollen, essen etwas und warten, dass es endlich 22 Uhr ist, damit wir anfangen können.
Das Konzert ist sehr interessant!! Gegen den hohen Lärmpegel und ein Football-Spiel ankämpfend, versuchen wir den interessierten Zuhörern (einige davon sehr weit angereist, extra um dieses Konzert zu hören) gute Musik zu bieten. Phasenweise gelingt es uns sogar, die Tanzfläche zu bevölkern und auf jeden Fall haben wir Spaß an der Sache und feiern unsere eigene Party. Um ca. 1 Uhr packen wir zusammen, nach einem Absacker trollen wir uns in unser Apartment (nicht ohne Widerstand Tiger-seitig), denn uns steht ein früher Start bevor: unser nächstes Ziel heißt Chicago, und wir müssen um 5 Uhr losfahren.
Sa, 13.9.: Entsprechend müde beginnt der Tag. Wir verstauen uns im Auto und los geht’s Richtung Norden. Die Fahrt verläuft weitestgehend ereignislos, und wir sind pünktlich um 10:30 an der Celtic Crossroads-Bühne des Celtic Fest Chicago, wo die Crew gerade dabei ist, Wasser von der Bühne und aus dem Backstagebereich zu kehren. Seit heute ist es nämlich mit dem guten Wetter vorbei, es gießt wie aus Kübeln! Trotzdem haben wir um11:30 ein nettes und begeistertes Publikum in Regenmänteln und mit Schirmen bewaffnet. Der Sound ist gut, sogar ein Flügel ist vorhanden – und wir tun unser Bestes. Mitten während des Sets kommt der Stage Manager auf die Bühne und fragt, ob wir 30 Minuten länger spielen könnten, Beoga stecken im Stau (die wären eigentlich nach uns dran). Dieser Aufforderung kommen wir gerne nach. Um 13 Uhr sind wir fertig, die Leute sind begeistert (und alle nass), schaffen so schnell wie möglich unsere Instrumente ins Auto und werden dabei trotzdem von Kopf bis Fuß nass.
Die Old Blind Dogs sind gerade eingetroffen, wo unser Freund und Bandkollege bei The Two Duos, Aaron Jones, mitspielt. Das Wiedersehen (zum letzten Mal haben wir uns bei Jürgens und meiner Hochzeit im Mai gesehen) müssen wir feiern! Wir tauschen Tourgeschichten aus (die Dogs sind schon anderthalb Wochen in Amerika, wir nun eine Woche...) und verabreden uns für später im Hotel.
Wir schauen kurz im Catering-Haus vorbei, dort gibt es Nudeln, gar nicht lecker – wir essen sie trotzdem, und dann fahren wir zum Hotel.
Das Hyatt ist ein Hochhaus, extrem mondän und nobel, und unser Zimmer ist im 25. Stock! So hoch habe ich noch nie geschlafen!!!!! Wir trennen uns, duschen, schlafen, und treffen uns einigermaßen erholt um 18 Uhr in der Lobby um essen zu gehen. Aaron hat von Freunden einen Restaurant-Tipp bekommen und lässt sich an der Rezeption einen Stadtplan aushändigen. Da es nur eine Meile entfernt ist, beschließen wir, ganz un-amerikanisch einfach zu Fuß dorthin zu gehen. Leider läuft Aaron erst einmal in die falsche Richtung, so dass aus einer Meile gefühlte fünf werden, bis wir am Ziel sind. Der Weg führt durch Chinatown und auch durch einige Gegenden, in denen man von der Szenerie her gut den Showdown für einen Mafia-Film drehen könnte.
Das Restaurant entpuppt sich aber als echter Geheimtipp, wir essen gut und günstig und zum Abschluss drängen wir uns zu sechst in eine Fotokabine, um ein Gruppenfoto zu machen. Ich war schon einmal mit zehn Leuten in einer Telefonzelle, das war ähnlich unbequem!
Für den Rückweg gönnen wir uns den Bus zum Hotel, wo wir dann entspannt in der Hotelbar sitzen, Geschichten erzählen und warten, bis Beoga (die schließlich doch noch angekommen sind und ihr Konzert einigermassen glimpflich hinter sich gebracht haben, wenn auch auf einer Bühne ohne Klavier, so dass Liam arbeitslos war) wieder aus den Federn gekrochen sind.
Gegen 22 Uhr sind wir endlich alle vereint, große Wiedersehensfreude auf allen Seiten, und wir machen Session. Alles ist wunderbar, die Musik ist so wie es sein soll, und es ist einfach schön, unterwegs Freunde zu treffen...Nach der Session (2 Uhr) wollen wir eigentlich ins Bett, aber Aaron lockt uns mit einem weiteren Geheimtipp seines Freundes: einer echten Chicago-Bluesbar mit Liveband! Da der Freund uns netterweise auch dort hinbringen will, nehmen wir das Angebot nach längerem Zögern an.
Gut, dass wir das gemacht haben!!! Die Musiker (Big James und die Chicago Playboys) rocken das Haus, es wird getanzt, die Musik ist einfach cool, und so dauert es nicht lang, bis wir (Rolf und ich) uns auf der Tanzfläche wieder finden und zu „I’m a soul man“ und „Mustang Sally“ abhotten! Gegen 4 verlassen wir per Taxi die Bluesbar und fahren zurück zum Hotel. Der Weg zurück führt an der phantastischen Skyline von Chicago vorbei, und wieder im Hotelzimmer angekommen kann man noch einmal den Ausblick über die Lichter der Stadt auf sich wirken lassen – und dann ist Feierabend für heute!
So, 14.9.: Um halb 10 klingelt das Telefon neben meinem Bett. Da ich Amanda gesagt habe, dass sie frĂĽhestens nach 12 anrufen soll (wir sollen ja erst um 20 Uhr spielen) und die anderen alle mit in der Bluesbar waren, nehme ich an, dass es nichts wichtiges sein kann und drehe mich noch einmal um.
Um 13 Uhr klingelt das Telefon wieder, diesmal gehe ich dran. Eine Frau ist dran und sagt mir, dass unsere CDs an der Rezeption abgegeben werden und wir sie dort abholen können. Da Pat uns verschiedene Pakete mit CDs an die verschiedenen Venues liefert, denke ich, es handelt sich um mehr CDs von Pat und sage „oh that’s brilliant, thank you!“. Danach rufe ich bei Rolf an und erfahre, dass das ganze Festival für heute abgesagt worden ist, weil Hurricane Ike seit Tagen den Regen liefert. Wie wir später erfahren waren dies die heftigsten Regenfälle seit dem Beginn der Aufzeichnungen in Chicago, und alle Helfer des Festivals wurden an den überschwemmten Gebieten der Stadt benötigt!! Die CDs sind also die CDs aus dem Merchandise-Zelt des Festivals, und ich hätte vielleicht besser mein Bedauern ausdrücken sollen am Telefon.. na ja... Und der Anruf heute morgen wäre vielleicht doch wichtig gewesen.. ;-)
Also haben wir heute frei!
Wir suchen uns Frühstück und dann setzen wir uns in die Hotelbar und proben ein bisschen. Die Probe mündet dann direkt in eine kleine Nachmittags—Session bis wir Hunger verspüren. Mark, ein Freund von Aaron, der in Chicago lebt und Theaterstücke schreibt, geht mit uns in ein nettes Restaurant, wo wir mit Aaron und Niamh und Séan-Og von Beoga essen.
Gleich um die Ecke ist eine irische Bar, in der ein Freund von Eamon arbeitet, und der dafür sorgt, dass wir Session spielen können und free drinks bekommen (Drinks for tunes!). Da sind die Musiker doch mal wieder alle in ihrem Biotop! Wir spielen mit Beoga, Mitgliedern von Bodega und Aaron und einigen Locals. Die Musik ist bestens, und wird immer besser. Um Mitternacht hat Amanda ihren einundzwanstigsten Geburtstag, natürlich gibt es Happy Birthday und sogar einen improvisierten Geburtstagskuchen von Beoga...
Danach gibt es eine kleine Gesangsrunde, Amanda, Niamh, Aaron, ein lokaler Sänger (super!) und ich geben alle etwas zum Besten und alle singen mit. Höhepunkt – wie immer – Leonard Cohens’s „Halleluja“. So wird es trotz des abgesagten Festivals noch ein wunderbarer Abend. Um halb fünf fahren wir singend zu sechst in einem Taxi zurück (Aaron auf dem Beifahrersitz als Solist, der Rücksitz als Chor). Der Taxifahrer hat Spaß daran...
Mo, 15.9: Reisetag! Wir haben eine 9-Stunden Fahrt vor uns und schlafen, arbeiten, hören Musik, lesen, albern herum – das Übliche! Einzige Abwechslung ist ein Besuch im Steakhouse wo wir Amanda’s Geburtstagsessen einnehmen. Um Mitternacht kommen wir an unserem Motel für die Nacht in Somerset, PA an und fallen in die Betten.
Di, 16.9.: Nach einem guten Frühstück fahren wir drei Stunden durch superschöne Landschaft, bis schließlich der Potomac River links von uns auftaucht. Wir passieren das Pentagon und dann sind wir auch schon in Alexandria, Virgina. Heute spielen wir mit Téada und Old Blind Dogs im „Birchmere“, einem der besten Musikclubs in den USA. Für uns ist es bereits das zweite Mal hier (s. Tourtagebuch August 2007), aber immer noch ist es total beeindruckend, wer hier alles schon gespielt hat (Johnny Cash, Marc Cohn, Solas, Jerry Douglas, Altan, Keb’ Mo, Joan Baez... alle, alle waren hier schon!). Im Backstage gibt es Kaffee, Internet-Zugang, eine Waschmaschine... alles was der Musiker braucht.
So richten wir es uns gemütlich ein, und eine Band nach der anderen macht Soundcheck. Wir sind als erste dran, und das Konzert läuft richtig gut, Amanda hat einen schönen Flügel unter den Fingern (dafür sieht man sie kaum Akkordeon spielen, weil das hinter dem Flügel versteckt ist) und der Sound ist einfach erstklassig! Das Publikum dankt uns mit Standing Ovations.
Danach spielen TĂ©ada, die Band von OisĂn MacDiarmada, einem meiner Lieblinsgeiger, traditionelle irische Musik und danach rocken die Old Blind Dogs das Haus mit schottischen Tunes und Songs – eine sehr energiegeladene Performance mit hohem SpaĂźfaktor. Zur abschlieĂźenden BĂĽhnensession kommen wir alle noch einmal raus und singen einen Song und spielen ein Reelset – wie immer ist nichts davon geprobt und arrangiert, lustig ist es trotzdem.
Die Leute tanzen und bleiben nicht auf ihren Stühlen sitzen – schön! Der unangenehme Teil ist, dass wir nach dem Konzert noch zwei Stunden fahren müssen, damit es morgen nicht mehr ganz so weit nach Boston ist – also nehmen wir Abschied von unseren Musikerkollegen (denen es übrigens ganz genauso geht, alle müssen noch weiterfahren) und quetschen uns wieder in unseren Dodge Caravan.
Amanda unterhält uns mit Dingen wie: „Imagine you were a princess of a country!“ Wir: „what?!“ - Amanda: „yeah, just imagine...!“ - Wir: „why?“ – Amanda „I was just thinking, because of the tunnel we’re driving through, of princess Victoria...“ – Wir: „who?“ – Amanda „princess Victoria! She died in a car accident!“ – Wir: „Diana!“ – Amanda: „Oh Jesus yeah that was her name.. Oh my god, I added a new dimension there, can’t believe I did that... I mixed her up with Victoria Beckham!“
Und so kommen wir wohlbehalten und guter Dinge um 2 Uhr im Red Roof Inn in Newark an und gehen so schnell es geht ins Bett.
Mi, 17.9.: Aufstehen um 7, Treffen am Auto um halb acht , und los geht’s! Es ist wahrlich keine Vergnügungsreise, die wir hier machen, und wir alle beginnen jetzt die Auswirkungen der vielen kurzen Nächte zu spüren. Wir versuchen, so gut wie es eben geht, im Auto noch ein bisschen zu schlafen (ausgenommen die jeweiligen Fahrer, natürlich!) und sind pünktlich zum Soundcheck in Somerville, einem Teil von Boston, wo wir heute in einem Club namens „Johnny D’s“ spielen. Der Veranstalter betreut höchstpersönlich den Sound und ist sehr nett, nur die Nachricht, dass wir ein Piano brauchen, ist nicht bis zu ihm vorgedrungen. Deswegen macht er sich dann zu Fuß auf zu sich nach Hause, wo er noch ein altes Keyboard hat. Eine halbe Stunde später kommt er, Keyboard unter dem Arm, allerdings ist das Instrument wohl schon vor längerer Zeit in den Ruhestand gegangen und gibt erst einmal nur wenig Vertrauen erweckende Geräusche von sich. Er nimmt es schließlich halb auseinander... wir beschließen derweil, zu Lindsay und Brian O’Donovan’s Haus zu fahren, wo wir die nächsten zwei Nächte wohnen. Die beiden sind die Veranstalter von ICONS, dem großen Festival Nähe Boston, wo wir letzten August gespielt haben, und die Eltern von Aoife O’Donovan, der Sängerin von „Crooked Still“, einer fantastischen Bluegrass-Band.
Wir freuen uns sehr, die beiden wieder zu sehen und es ist so nett von ihnen, uns ihr halbes Haus zur Verfügung zu stellen! Wir duschen, machen uns einen Tee, entspannen ein bisschen, und Lindsay treibt sogar noch ein funktionierendes Keyboard auf. Dann fahren wir zurück zum Club, wo die Vorband (Tim O’Connor-Trio) gerade auf die Bühne geht. Gegen halb zehn sind wir dann dran, und unser Veranstalter hat das Keyboard tatsächlich repariert bekommen (ein Wackelkontakt), aber 2 Minuten vor Beginn stellen wir fest, dass es verstimmt ist (zu tief gestimmt), und da das Display nicht mehr funktioniert, kann man es auch nicht mehr stimmen – was für ein Glück, dass wir Lindsay’s Keyboard eingeladen haben. Schnell holen wir es aus dem Auto und los geht’s. Das Konzert ist gut und macht viel Spaß, obwohl die Größe des Publikums zu wünschen übrig lässt. Trotzdem haben die Leute großen Spaß und wir gehen nicht ohne Zugabe und Stehbeifall von der Bühne.
Danach sitzen wir noch ein bisschen mit dem Veranstalter, Dana, zusammen und unterhalten uns – wieder einmal – angeregt über die bevorstehenden Wahlen in den USA. Bisher stimmen die Meinungen der Leute, mit denen wir reden völlig mit der unsrigen Sicht überein – aber es muss wohl auch jede Menge andere geben, sonst wäre es ja nicht so knapp! Danach gibt es noch einen Tee bei Lindsay in der Küche, und dann freuen wir uns auf das Ausschlafen!!
Do, 18.9.: All you can sleep!! Gegen Mittag sind wir letztendlich alle aus den Federn gekrochen und haben uns in der KĂĽche mit Tee und Toast selbst versorgt. Lindsay hat uns Zettel und einen ReisefĂĽhrer (Boston for Dummies) hingelegt und uns mit Tipps versorgt, wo wir parken sollen und wie man in die Stadt kommt. So sind wir bestens vorbereitet und erkundenn Boston City.
Wir sind uns einig: Das ist die schönste Stadt in den USA, die wir bisher besucht haben! Sehr europäisch mit vielen kleineren Läden und sogar einer Art Fußgängerzone, nicht nur die großen Shopping-Malls und toten Innenstädte, die man anderswo so oft sieht. Das Leben pulsiert in Boston und man kann es prima im Straßencafé aushalten, shoppen gehen, sich den Schauplatz der Boston Tea Party ansehen... Auch architektonisch ist es sehr interessant, eine kuriose Mischung aus Alt und Neu, aber durchaus harmonisch. Das Wetter ist bestens, nicht zu warm und nicht zu kalt, und das Licht ist ideal – Jürgen fotografiert praktisch den ganzen Tag mit seiner Spiegelreflex-Kamera.
Hier bekommen wir auch endlich die Tasche, die wir Amanda zum Geburtstag schenken wollten, in die sie ihre ganzen Einkäufe verstauen kann (und das ist recht viel!) ;-) Sie freut sich unbändig über ihre neue Tommy-Hilfiger-Tasche!! Um Acht sind wir dann zurück und zum Dinner mit Brian und Lindsay verabredet. Lindsay hat ganz lecker gekocht, es gibt Lachs, Kartoffelbrei, Salat und zum Nachtisch Pumpkin Pie mit Schlagsahne! Wir sitzen gemütlich beisammen und reden, gegen 10 brechen Claus und Rolf auf, um die lokale Session-Szene zu erkunden, während Jürgen, Amanda und ich „zuhause“ bleiben und einen ruhigen Abend verbringen – zum Beispiel mit Tourtagebuch-Schreiben!
Fr.19.9.: Um 9:30 fahren Claus, Rolf und Amanda nach Cambridge zum shoppen und tanken, eigentlich wollte ich auch mit, muss mich aber der Übermacht des Schlafbedarfs beugen und drehe mich stattdessen im Bett noch einmal herum. Ausgeschlafen machen wir uns in Lindsays Küche Tee und Toast und später kommt Lindsay dann nach Hause, ich unterhalte mich mit ihr und Jürgen übt auf der Terrasse Gitarre, wo die Eichhörnchen in den Bäumen herumtollen.
Zum Abschied bekommen wir sogar kleine Geschenke, wir sind überwältigt von der Gastfreundschaft und sprechen ausdrücklich Einladungen zum Gegenbesuch aus – vielleicht können wir ja Crooked Still etwas Gutes tun, die im Mai in Deutschland auf Tour sein werden... Wir verlassen Boston Richtung Norden und kurz nach der Stadt beginnen schon die ausgedehnten Wälder New Englands. Seen, Flüsse, Bäume und Schilder wie „Bears Crossing“ oder „Moose Crossing“ säumen unsere Route, und die Raststätten werden spärlicher. Leider hat der Indian Summer noch nicht begonnen, nur einzelne Blätter verfärben sich leicht, aber man kann erahnen, wie gewaltig das Farbenspiel sein wird...
An einem kleinen „Grille“ an der Strasse halten wir an und nehmen einen Imbiss ein, 10 Meilen später erreichen wir Tunbridge, Vermont. Tunbridge ist eine klitzekleine Stadt umgeben von Wald – entsprechend rustikal scheinen die Bewohner zu sein. Die Luft ist klar und kühl und wir fühlen uns spontan sehr wohl. Die „Town Hall“ hat einen Boden und eine Decke aus Holzdielen und daher eine sehr gute Akustik. Rick – unser Tontechniker für heute abend – ist extrem relaxt. Auch dann noch, als sich herausstellt, dass wir wieder einmal das Problem mit dem Klavier haben. Todd, der Veranstalter wird benachrichtigt und der organisiert dann ein Klavier von Germaine, einem Musiker der Band „Nightingale“, die letztes Jahr auch auf dem Champlain Valley Folk Festival gespielt hat.
Der Soundcheck zieht sich ein bisschen, weil Rick so entspannt ist, danach gibt es etwas zu essen, allerdings nicht genug für fünf wirklich hungrige Musiker, weswegen wir sehr froh sind, dass wir vorher noch bei dem Imbiss haltgemacht haben. Das Konzert läuft sehr gut, die Einwohner von Tunbridge sind extrem begeisterungsfähig und feiern uns in ihrer kleinen Stadthalle. Ohne Zugabe und Standing O’s dürfen wir die Bühne nicht verlassen. Danach machen wir uns auf in den Wald – heute übernachten wir bei Todd und seinen Nachbarn, die völlig abgelegen am Ende einer Sandpiste wohnen, in wunderschönen Häusern mit einem Traumblick auf die Hügel von Vermont. Allerdings liegen hier im Winter auch schon mal über 2 Meter Schnee! Man muss gerne Ski fahren, sagt Todds Frau Betsy da nur ganz lakonisch.
Wir trinken noch einen Tee bzw ein Bier und dann verteilen wir uns auf die Schlafstätten – morgen müssen wir früh raus! Rolf und Claus übernachten im einfach gehaltenen „Cabin“, da kommt echtes „Schweden-Urlaubs-Gefühl“ auf.
Sa, 20.9.: Der Wecker klingelt um 7:30, wir trinken eine Tasse Tee mit Todd und Betsy, und dann fährt Todd voraus, um uns auf die Strasse zurück zu lotsen. Das ist auch wirklich eine gute Idee, denn das Navi hat in den Wäldern Schwierigkeiten, sich zu orten. Drei Stunden Fahrt sind es bis zum Albany Irish Festival, die Fahrt verläuft weitestgehend ereignislos mit kulinarischen Zwischenstopps für jeden Geschmack. Ich bin zum ersten Mal in einer amerikanischen Bäckerei und kaufe eine Art Buchteln mit Zimt, sehr lecker. Ansonsten kann sich das Angebot und die Qualität aber gar nicht mit deutschen Bäckereien messen.
Pünktlich eine Stunde vor Showtime sind wir auf dem Festivalgelände und steuern unsere Bühne an, auf der heute unter anderem wir, Lúnasa und Beoga spielen. Das Festival ist gewohnt riesig und gottseidank ist das Wetter dieses Mal richtig gut. Es gibt auch wieder die komplette Auswahl an Ständen, sowohl für Essen und Trinken als auch für irische Accessoires wie Shamrock-Ketten, Tutus für Kinder, Haarreife mit Shamrock-Fühlern und einiges mehr. Amanda bekommt diese Iro-Manie ja nun zum ersten Mal mit und ist fassunglos „All these people who want to be Irish – now that’s scary!“.
Der Soundcheck ist schnell und routiniert, dann geht es los. Durch die vielen Leute elektrisiert spielen wir ein richtig gutes Set und der Funke springt sofort ĂĽber. Es macht groĂźen SpaĂź und die Leute feiern uns. Am Ende bekommen wir den schon fast ĂĽblichen Stehbeifall und verkaufen ziemlich viele CDs.
Danach gehen wir erst einmal ein bisschen was essen, und dann zurück, um Beoga zu hören. Leider ist deren Sound nicht so richtig prima, aber die Musik ist wie immer super und Eamon hat einige lustige Geschichten zu erzählen. Danach müssen wir auch schon zur nächsten Bühne umziehen, wo wir noch einmal spielen. Dort ist der Monitorsound leider nicht gut, eine Box gibt gerade ihren Geist auf – aber draußen muss der Sound gut gewesen sein und wir lassen uns davon nicht die Stimmung verderben und so kommen wir noch mal richtig gut an, auch wenn der Spaßfaktor bei uns auf der anderen Bühne größer war. Nach dem CD-Verkauf ist unsere Arbeit für heute getan und wir können in Ruhe über das Gelände schlendern und uns Lúnasa anhören, die um 18 Uhr spielen.
Das Konzert ist super, am Schluss stehen alle auf und tanzen. Kevin grüßt uns von der Bühne, und nach der Show ist großes Hallo, Wiedersehensfreude und Freibier im Backstage angesagt. Gaelic Storm sind der letzte Act auf „unserer“ Bühne – wir haben schon viel über sie gehört, aber sie noch nie live gesehen. Das ist die Band, in der ein paar Leute mitspielen, die damals im „Titanic“-Film mitgespielt haben. Das wurde clever vermarktet und seitdem sind sie, wie man so schön sagt, „BIG“.
Was das bedeutet, wird uns beim Soundcheck klar: Sobald sich einer der Musiker auf der Bühne auch nur zeigt (oder gar einen Ton spielt), bricht ein ohrenbetäubendes Geschrei aus, als ob Robbie Williams auf die Bühne gekommen wäre! Weil es auch gleichzeitig recht kalt wird, beschließen wir, ins Hotel zu fahren, wo nebenan eine mexikanische Bar ist. Wir checken ein und gehen in die Bar, wo kurz darauf auch Lúnasa und Beoga einfallen. Wir erzählen uns Geschichten vom Tourleben. Die schönste davon stammt von Kevin Crawford, über eine Privatübernachtung, wo er in einem Zimmer mit sechs Katzen und in einem Bett mit Cillian und Paul schlafen musste – das Bett teilen sonst die 20 und 21 jährigen Kinder (!) der Familie – und auf dem Weg ins Schlafzimmer ist er (in Socken) in einer angetrockneten Pfütze Katzenpisse hängengeblieben...
Gegen Mitternacht verabschieden Jürgen und ich uns von der Party und gehen ins Bett, morgen müssen wir schon wieder früh aufstehen. Die anderen bleiben noch, vor allem Claus, der dann zu später Stunde sogar noch in der Session mitmischt!
So. 21.9.: 7:30 Uhr: ich gewöhne mich einfach nicht an diese Zeit... Wir sind alle ziemlich müde, aber das ist kein Vergleich zu den Leiden unseres Flöters, der extrem zerknittert am Auto auftaucht und „Aua!“ sagt ;-)
Der Flötist von Lúnasa hingegen, Kevin, welcher das Zimmer neben Claus hatte, trinkt keinen Alkohol und ist morgens schon Selbstgespräche führend vor Claus’ Zimmer auf- und abgelaufen! Fünf Stunden Fahrt liegen vor uns nach Clayton, Delaware, wo wir heute zum zweiten Mal bei „Cooldog Concerts“ spielen (s. Tourtagebuch August 2007).
Da wir letztes Mal den Anweisungen im Vertrag gefolgt sind und dann mit den Worten „God, you’re early!“ empfangen wurden, haben wir dieses Mal vorher mit Paul eine Uhrzeit vereinbart und er wollte bis dahin alles aufgebaut haben.Wir sind pünktlich; er hat nichts vorbereitet und ist die Ruhe selbst. Das wollen wir uns jetzt aber mal wirklich hinter die Ohren schreiben, damit uns das nächstes Jahr nicht wieder passiert!In aller Gemütsruhe bauen wir auf, machen Soundcheck, dann macht die Vorband Soundcheck und dann füllt sich das Haus wieder mit Gästen, jeder bringt etwas zu Essen mit, die Tische biegen sich. Nach der Vorgruppe gibt es eine kurze Pause, dann sind wir dran. Das Publikum ist zahlreich und enthusiastisch und so trägt es uns über die Müdigkeit (und einige von uns über den Kater) hinweg. Ohne Zugabe kommen wir hier nicht davon.
In der Pause führe ich mit einer Konzertbesucherin ein erstaunliches Gespräch über Politik. Sie meint nämlich, Obama kann man nicht wählen, weil er keine Erfahrung hat. Sein Vize-Kandidat Biden hingegen hätte viel Erfahrung, kommt aus Delaware, hat dort Gutes geleistet und den fände sie auch sympathisch, aber trotzdem ginge das nicht. McCain hingegen vertraut sie. Daraufhin kann ich es mir nicht verkneifen, nach Mrs Palin zu fragen. Die Antwort folgt mit unwiderstehlicher Logik: ja, der könne man vertrauen, denn das sei ja schließlich keine richtige Politikerin, sondern einfach eine Frau und Mutter... Diese Arugumentationsweise geht über meinen Horizont. Ich lächle höflich und entferne mich lieber.
Nach dem Konzert schauen wir uns „The Commitments“ auf Pauls Großleinwand an, weil Amanda den Film nicht kennt. Das macht Spaß und ist ein prima Ausklang.
Mo., 22.9.: Nach einem kurzen FrĂĽhstĂĽck in der KĂĽche quetschen wir uns wieder in unseren Dodge und brechen um 10 Uhr auf mit Kurs nach Norden. Heute ist Reisetag.
East Dixfield in Maine ist 10 Autostunden entfernt.
Highlight des Tages ist ein Besuch bei unserer Lieblings-Fastfood-Kette „Five Guys“. Wir erfinden ein neues Spiel: einer muss ein Wort sagen (z.B. „road“) und die anderen müssen einen Song singen in dem das Wort vorkommt; nur Titel sagen reicht nicht. Wer als erster einen Song hat, darf den nächsten Begriff sagen. Damit unterhalten wir uns ziemlich lange.
Um 22 Uhr 30 kommen wir todmĂĽde am Skye Theatre an, Phill erwartet uns. Die Heizung ist an (in Maine ist es nachts um diese Jahreszeit schon manchmal unter Null Grad) und unser Apartment ist gemĂĽtlich hergerichtet. Nach kurzer Zeit fallen wir alle in unsere Betten.
Di., 23.9.: Leider bin ich etwas erkältet, die Stimme funktioniert aber noch einigermaßen. Ich trinke literweise Ingwer/Zitrone-Tee. Claus konnte nicht schlafen, weil Rolf im Schlaf Geräusche „wie ein Elefant“ gemacht hat. Darauf Rolf „Ja, komisch, ich hab auch von Elefanten geträumt!“
Wir frĂĽhstĂĽcken Cornflakes, Tee und Toast, Phill hat fĂĽr uns eingekauft.
Claus war vor dem Frühstück schon joggen (!). Hat Kevin doch einen bleibenden Eindruck hinterlassen? Nach dem Frühstück gehen Jürgen und ich im Wald spazieren, wobei wir feststellen, dass es in Maine keinen Schwäbischen Albverein gibt: alle Wege, die nicht eine ausgewiesene Strasse sind (wobei das in unseren Augen nur ein schlechter Feldweg wäre) , enden entweder an einem Haus oder führen ins Leere. Nach mehreren Versuchen finden wir schließlich einen Weg, der auch wirklich schön ist. Die Bäume beginnen sich bereits langsam zu verfärben, und man kann ahnen, wie farbenprächtig die Wälder sich dann im „Indian Summer“ präsentieren.
Wieder am Apartment üben wir ein bisschen, kochen Kaffee, kurz: entspannen uns und genießen es, wieder selbstbestimmt zu sein, im Gegensatz zu den Langstreckenfahrten („Ich muss mal!“ – „Was, schon wieder?“). Vom Fenster des Wohnzimmers aus sieht man Phill und zwei Helfer, die einen Anbau ans Skye Theater bauen, in dem dann der neue Konzertsaal sein soll. Der alte Konzertsaal wird als Erweiterung des Apartments genutzt, der neue Saal ist größer uns besser ausgestattet. Schon vor dem Konzert sagt Phill, dass er uns da dann auf jeden Fall nächsten Sommer buchen will. Das ist natürlich super!
Um halb fünf machen wir Soundcheck, danach hat Jean uns ein leckeres Dinner zubereitet; es gibt wieder „Haystacks“ (s.Tourtagebuch August 2007). Der Saal füllt sich derweil bis auf den letzten Platz, Phill muss noch Klappstühle holen. In East Dixfield ist es Tradition, dass die Band vor dem Konzert mit lokalen Musikern eine Session macht. Dieses Mal ist nur eine einzige Geigerin anwesend, weil die anderen alle im Urlaub sind. Trotzdem spielen wir natürlich.
Um 7 geht dann das Konzert los, Phill kündigt uns an als „one of the top five acts we had here in 2007“. Wir versuchen, dieser Erwartung wieder gerecht zu werden. Schade, dass die Erkältung mich ein bisschen beim Singen behindert, aber wir schaffen es trotzdem. Ein bewegender Moment ist, als das Publikum nach dem Gitarrensolo beim 10/8 mitten im Stück Standing Ovations gibt!! Amanda sagt: „I nearly cried!“
Ohne Zugabe gehen wir auch hier nicht von der BĂĽhne, und nach getaner Arbeit sind wir alle glĂĽcklich und zufrieden. Rolf und JĂĽrgen spielen noch ein Tischfussball-Match (Vfb Stuttgart gegen FC Bayern, Stuttgart gewinnt), gefolgt von JĂĽrgen und Amanda (Deutschland-Irland, Deutschland gewinnt), und dann trollen wir uns einer nach dem anderen Richtung Bett.
PS: ich habe 5 $ gewonnen, weil ich Schluckauf hatte und Phill mir 5 $ versprochen hat, wenn ich weiter hicksen kann. Dieser Trick funktioniert bei mir schon mal nicht!
Mi, 24.9.: Heute liegen 960 km vor uns, 10,5 Stunden reine Fahrzeit, unser Ziel ist ein Hotel an den Niagara-Fällen, welche auf dem Weg zu unserem nächsten Konzert in Cleveland, Ohio liegen. Der heutige kulinarische Zwischenstopp findet bei Red Robin in Albany statt, wo es den berühmten Rotkehlchenburger gibt. ;-) Ansonsten verläuft alles ohne besondere Zwischenfälle.
Am Hotel kommen wir um 22 Uhr an, checken ein und gehen unseren Durst in einer Sportsbar stillen, die aber leider dann auch um halb 12 schon schließt. Obwohl wir ganz in der Nähe der Niagara-Fälle sind und alles sehr touristisch ist, gibt es im Umkreis von 4 Meilen um das Hotel nur diese Bar, alle Restaurants haben sowieso schon geschlossen! Seltsam!! Auf dem Heimweg steht uns an einer Kreuzung ein Polizeiauto gegenüber und blendet immer die Scheinwerfer auf. Rolf wundert sich („was macht der denn da?“).
Die Ampel wird grün, wir fahren weiter und der Wagen folgt uns und stoppt uns!Rolf hat nichts getrunken, wir kurbeln gelassen das Fenster herunter. Der Polizist fragt „Any idea why I stopped you?“ – Rolf: „ to be honest, no...!“ – darauf der Polizist „well you didn’t turn your headlights on!“ .... Tatsächlich! Deswegen hat er auch immer Lichthupe gegeben. Aber er lässt uns mit dieser freundlichen Verwarnung weiterfahren.
Do, 25.9.: Die Niagara-Fälle warten auf uns! Wir fahren ein kleines Stück, bis wir an die Rainbow-Bridge kommen, wo man zur Linken bereits beide Fälle sehen kann. Rolf lotst uns über die Brücke, um dann am anderen Ende festzustellen, dass wir soeben im Begriff sind, nach Kanada einzureisen. Wir vollführen ein illegales Wendemanöver und fahren zurück nach Amerika, wo der freundliche und gutaussehende (!) Beamte und fragt „Why have you been in Canada?“ und wir darauf antworten „We’ve just been there 2 minutes!“. Dann wundert er sich noch über die Konstellation (4 Deutsche, eine Irin), fragt nach dem Zweck unserer Reise, dem Namen der Band und nach der Musikrichtung (irisch) und sagt „now it’s getting weird!“ Ich krame schnell eine DVD hervor und halte sie ihm unter die Nase – das befriedigt seine Neugier. Gutgelaunt verabschieden wir uns und dürfen nach Amerika zurück. Schnell suchen wir uns einen Parkplatz und laufen zu den Aussichtspunkten. Herrlich!
Erfrischt (durch die gute Luft) und gutgelaunt steigen wir knapp 3 Stunden später wieder in unser geliebtes Auto und fahren Richtung Cleveland. P.J. Mc Intyre’s ist eine sehr schöne Bar, die Bühne ist schon für uns bereitet, Pat Campbell, einer der beiden Besitzer, und seine Frau sind sehr nett und freuen sich sehr, dass wir bei ihnen spielen. Pat ist mit Liam von Beoga gut befreundet und hat durch diese Connection angefangen, Konzerte zu veranstalten. Bisher bei ihm waren z.B. Beoga und Lúnasa – wir befinden uns also in bester Gesellschaft.
Pat hat außerdem 7 Jahre in den USA eine Hauptrolle bei Lord of the Dance getanzt. Das Essen ist auch hervorragend. Die PA ist nicht besonders filigran und unser Mischer trägt ein Hörgerät, aber da im Vertrag schon vorsorglich steht, dass der Mischer evtl Hilfe braucht, macht Jürgen die Einstellungen.
Leider ist das Publikum auch hier sehr laut und wir müssen uns ziemlich anstrengen, um uns durchzusetzen. Aber in den vorderen Reihen sitzen einige Zuhörer, die andächtig und konzentriert dabei sind, sowie ein Myspace-Freund von uns, Ben aus Indiana, der extra 4,5 Stunden Anreise in Kauf genommen hat, um heute hier zu sein. Für diese Leute geben wir alles. Trotzdem bleibt es unter dem Strich eine eher anstrengende Show. Danach fahren wir in unser Hotel, wo wir mit Ben, dessen großes Hobby das Fliegen von einmotorigen Flugzeugen ist, noch vor dem Hotel ein Bierchen trinken und dabei erfahren, dass er McCain befürwortet, weil der auch Pilot ist.
Fr., 26.9.: Frühstück bei „Steak & Shake“, Aaron’s Lieblings-Fast-Food-Restaurant. Irgendwie bin ich fastfood-müde, deswegen bestelle ich Toast mit Hüttenkäse und Marmelade. Die Jungs schlemmen mit allem, was dazugehört (Bacon, Egg, Sausage, Milchshake). Dann heißt es wieder einmal „hit the road, Jack“, und wir fahren nach Michigan, wo wir heute abend in Alto spielen.
Mike Mulder, der Veranstalter für heute, hat in seinem Haus (welches eher eine „Villa“ ist, mit einem Garten, der in Deutschland als herrschaftliches Anwesen einzustufen wäre) einen irischen Pub nachgebaut!! Dorthin lädt er dann seine Nachbarn zum Konzert ein. Wir kommen um 16 Uhr an, holen die Bankkarte ab, die die Bank of America nach mehreren erfolglosen Versuchen nun per FedEX zu Mike geschickt hat, und fahren zur nächsten Filiale, um unser Guthaben vom Konto abzuheben und das Bargeld in größere Scheine umzutauschen. Die deutschen Reisepässe sowie die Tatsache, dass die Bank of America in Michigan (wo wir sind) ein anderes Kommunikationssystem verwendet als die Bank of America in Arizona (wo wir das Konto eröffnet haben), sorgt dafür, dass wir insgesamt drei Sachbearbeiterinnen in Schach halten und die Kunden bis zur Tür Schlange stehen. Aber wir schaffen es am Ende, unser gesamtes Vermögen in 100- und 50-Dollar-Noten in bar zur Verfügung zu haben. Ein eindrucksvoller Stapel Geld! Ein alter Mann sagt „I wish this was in my pocket!“
Wir fahren zurück zu Mike und Ann, wo das Essen auf uns wartet. Es gibt „barbecued pulled pork“, nicht mein Geschmack, Rolf freut sich dafür umso mehr. Das Haus füllt sich mit netten Leuten. Wir plaudern, machen Smalltalk. Heute habe ich mir fest vorgenommen, nicht mehr über Politik zu reden.
Wir spielen fast-unplugged vor geschätzten 50 Leuten, was in dem kleinen Raum schon recht eng ist. Heute ist das Publikum sehr aufmerksam, ganz anders als gestern. Hier wird an den entsprechenden Stellen in den Liedtexten gelacht, noch während wir singen, und unsere Geschichten kommen bestens an. Leider bin ich heiser. Aber es geht einigermaßen. Auch die akustischen Verhältnisse sind nicht einfach, aber das dankbare Publikum inspiriert uns, steht geschlossen auf und fordert lautstark Zugaben.
Während des ersten Stücks schaut uns von draußen ein Hirsch zu, der das ganze Musikstück über in Fensternähe stehen bleibt, aber dann durch den Applaus vertrieben wird. Vor dem Konzert stehen wir draußen im Garten und Mike warnt uns, nicht unter die Apfelbäume zu gehen, wegen der Gefahr, von Fallobst getroffen zu werden.
Nach dem Konzert gibt es auch noch eine Session mit lokalen Musikern, an der wir uns beteiligen und die auch nett ist, aber JĂĽrgen und ich werden dann mĂĽde und gehen ins Bett. Die anderen spielen noch ein Weilchen.
Sa., 27.9.: Vor und während des Frühstücks verpacken wir die Reste unseres CD-Bestandes in Pappkartons und schicken sie an unseren Vertrieb in den USA, dann findet eine Telefonkonferenz mit Pat statt, bei der wir eine Tournee-Nachbesprechung sowie eine Vorbesprechung für 2009 abhalten. Schön ist, dass Amanda auch 2009 wieder mit dabei sein will, denn auch die nächste Tournee im August /September 2009 ist leider für Sandra nicht machbar. Die Besprechung dauert eine Stunde, und als wir uns in allen Punkten einig sind, ist es auch schon höchste Zeit, loszufahren. Mike und Ann sind extrem nett und hilfsbereit, sie bringen für uns die Kartons auf die Post und zum Abschied machen wir noch ein Gruppenfoto auf der Treppe.
Dann geht es los mit Kurs auf Milwaukee, einem der wichtigsten Konzerte der Tournee, da heute abend die Veranstalter des Irish Festivals kommen, um unser Konzert zu hören und darüber zu entscheiden, ob wir dort nächstes Jahr spielen. Das Festival ist das größte Irish Music Festival weltweit – da wollen wir hin! Das Irish Cultural and Heritage Centre, in dem wir heute spielen, ist ursprünglich eine Kirche gewesen, mit einer interessanten gewölbten Deckenkonstruktion und viel Holz – der Klang ist hervorragend. Außerdem haben hier alle Größen des Genre schon gespielt: im Flur hängt eine Galerie, scherzhaft „Wall of Fame“ genannt, an der signierte Fotos von Solas, Altan, Dervish usw. hängen.
Darüber hinaus erfahren wir, dass in dieser Kirche Martin Luther King seine einzige Ansprache in Milwaukee gehalten hat. Nach dem Soundcheck bringen wir noch unsere Sachen ins Hotel schräg über die Strasse – auch das eine äußerst noble Adresse. Wir bringen uns in „Konzertform“ und dann spielt auch schon unser Opener, eine lokale Geigerin mit Keyboardbegleitung. Der Konzertsaal füllt sich und pünktlich um 8 gehen wir auf die Bühne und legen los. Heute geben wir Vollgas. Das Publikum auch. So schaukeln wir uns gegenseitig zu Höchstleistungen auf! Sehr nett ist, dass ein jüngeres Grüppchen auf der Empore frenetisch schreit, auch an den exponierten Stellen in den Sets, das macht wirklich großen Spaß!
Auch der CD-Verkauf in der Pause läuft so gut, dass die Frau, die für uns heute das Merchandise macht, sagt, dass es ein außergewöhnlich guter Schnitt sei, ihrer Erfahrung nach. Das hört man gerne.
Nach dem Konzert werden wir mit Lob förmlich überhauft, es gilt mit jeder Menge wichtiger Leute zu reden und e-Mail Adressen auszutauschen und ganz zum Schluss sagt der Veranstalter des Kulturzentrums, dass unser Konzert eines der besten gewesen wäre, was er je in diesem Haus gehört hat, und bittet uns, auch ein signiertes Foto zu schicken, damit er es neben Solas und Altan hängen kann ;-)) Schön!! Nun muss nur noch das Festivalkomittee anbeißen, das erfahren wir dann in ein paar Wochen, und dann hätten wir unser Soll erfüllt. Nach dem Konzert gehen wir mit Mark, der extra aus Chicago angereist ist, um uns nicht nur in der Session zu hören, noch in ein Restaurant, wo es schlechte Steaks gibt. Das macht den Abschied von Amerika leichter.
Wir ziehen ein Haus weiter ins Hotel und machen dort in der Bar die Auszahlungen und stoßen noch einmal alle zusammen auf eine anstrengende, aber erfolgreiche Tournee an, bis irgendwann gegen 2 Uhr die Lichter angehen und das Personal beginnt, aufzuräumen.
So, 28.9.: Erbarmungslos klingelt der Wecker und wir brechen früh auf, um Amanda pünktlich beim Shuttle-Bus zum Flughafen Chicago abzuliefern. Abschied ist immer schwer, finde ich, und es werden auch ein paar Tränen vergossen auf beiden Seiten. Als wir dem Bus hinterhergewinkt haben und zurück im Auto sind, finden wir sogar noch eine kleine Überraschungskarte, die Amanda dort für uns hinterlassen hat.
Ein bisschen wehmütig schlagen wir uns durch den Straßendschungel Richtung Flughafen durch, geben den Mietwagen ab, checken unsere Koffer ein, frühstücken, verschicken die letzten Dokumente an Pat und dann fliegen wir mit Zwischenstopp in Detroit nach Frankfurt. Ein bisschen Unruhe gab es noch, da der Flug nach Frankfurt überbucht war, und kurzfristig Angebote kursierten, dass man 750 $ bekommt, wenn man einen Tag später fliegt – aber ich will jetzt einfach heim und nicht mehr warten.
In Frankfurt trennen sich dann endgĂĽltig unsere Wege, und so endet dieses Tourtagebuch auch am Flughafen Frankfurt am Bahnsteig.
Insgesamt sind wir mit unserem Mietwagen 4.900 Meilen kreuz und quer durch Amerika gefahren, haben wieder viel erlebt, viele neue nette Menschen kennengelernt und alte Freunde wieder getroffen und tolle Konzerte gehabt.
In diesem Sinne, liebes Tagebuch und liebe Leser, auf Wiedersehen im nächsten Jahr!
Gudrun x