Tourtagebuch 2. USA-Tour
Die Tournee beginnt dieses Mal in Arizona – der Wilde Westen ruft!! Jürgen und ich fliegen bereits am 29.Februar über Charlotte nach Phoenix, um in Arizona ein paar Tage Urlaub zu machen und einiges Dienstliche mit Pat, unserem Agenten, zu besprechen. Pat wohnt in Vail bei Tucson, und dorthin machen sich die beiden dann nach einem überaus langen und anstrengendem Flug per Mietwagen auf den Weg. Rolf folgt am Montag, 3.März nach und fährt dann aber erst einmal nach Nord-Arizona, um einen Helikopterflug über den Grand Canyon zu machen.

Währenddessen werden Jürgen und ich von Pat und Maria in die “sights” von Süd-Arizona eingeweiht, und besuchen eine Tropfsteinhöhle, ein Steakrestaurant und das Arizona-Sonora Desert-Museum. Außerdem machen wir einen Ritt durch die Wüste (die übrigens viel grüner ist, als man so denkt) zwischen 3m großen Kakteen.

Am 4.3. (Dienstag) fahren nun auch Jürgen und ich (im folgenden kurz Cara-Süd genannt) gen Norden, machen einen wunderbaren Reitausflug in die Berge bis auf 6000 Fuss Höhe und treffen uns dann nach einigen Verwirrungen mit Rolf in Sedona, wo die Red Rocks stehen. Die kennt man aus vielen Westernfilmen – hier lebte einst Geronimo, Häuptling der Apachen…
Von den Red Rocks im Sonnenuntergang machen wir fleißig Bilder, dann fahren wir wieder zurück nach Tucson – 4,5 Stunden.. man gewöhnt sich an amerikanische Maßstäbe!
5.3. (Mittwoch): Rolf folgt nach und trifft pünktlich zum Mittagessen mit Pat und Maria in Tucson ein. Heute gibt es “All you can eat” Lunch-Buffet auf der Tanque Verde Ranch. Die Ranch liegt idyllisch am Rand von Tucson und beherbergt neben über 150 Pferden auch Touristen und Filmstars. Pat erzählt uns, dass Kevin Costner hier regelmäßig übernachtet!! Überhaupt haben viele “Promis” in Tucson und Umgebung Häuser - Sharon Stone zum Beispiel und Paul McCartney… Aber von denen ist beim Lunch keiner zu sehen ;-). Dafür ist das Buffet überaus sehenswert, es gibt viele verschiedene Vorspeisen und Salate, natürlich Hauptgang, aber –und vor allem – eine riesige Auswahl an Süßspeisen! Rolf bedauert sehr, dass er aufgrund des Jetlags noch nicht wieder in der gewohnten Form ist und infolgedessen vom Tiger (=Jürgen) mengenmäßig geschlagen wird. Eine kleine Sensation!
Nach dem Kaffee und einer kurzen Lagebesprechung mit Pat über die Tourneen für 2009 machen wir uns auf den Rückweg ins Hotel, wo schon der Whirlpool auf uns wartet! Es gibt einen großen, lauwarmen und einen kleinen, sehr heißen Pool. Wir genießen das warme Wasser und nach dem Duschen gehen wir zur “Social Hour” unseres Hotels, die täglich zwischen 5:30 und 7 Uhr stattfindet und übersetzt soviel bedeutet wie “Alkohol fer umme”! Der freundliche Mexikaner an der Bar schenkt das Freibier freigiebig aus, und so kommt es, dass ich nach der anschließenden Probe für die morgige Radiosendung einer Mischung aus Jetlag, Whirlpool und Alkohol erliege und um 8 Uhr ins Bett gehe. Rolf und Jürgen packen ihre Instrumente und fahren in die City, wo heute im “Fox”-Theatre die David Munnelly Band spielt, Rolf freut sich, seinen Kumpel Kieran Munnelly wiederzusehen. Der Opener ist eine lokale Band, “Round the House”, die Rolf über die Bodhrán-Yahoo-Group kennt, und so kommt es, dass Rolf und Jürgen dann auch zur anschließenden After-Show-Party im Haus der Bodhránspielerin, Claire, eingeladen sind. Dort gibt es ein Buffet und Drinks für alle, und eine Session mit allen Mitgliedern der beiden Bands, u.a. Paul Kelly, Fergal Cahill und natürlich den Munnelly Brothers – ein gelungener Abend!
6.3. (Donnerstag): Heute beginnt das Arbeitsleben! Nach dem Frühstück eröffnen wir ein amerikanisches Bankkonto, ich gebe Telefoninterviews für verschiedene Zeitungen und Magazine, wir besorgen ein neues Tournee-Handy und proben.
Um 4 Uhr brechen wir auf zur Radiostation von KXCI Tucson, wo wir eine Live-Radiosendung machen. Eine Moderatorin interviewt uns, und wir spielen zwei Stücke live und eines von der neuen Live-CD. Die Live-Stücke sind nicht ganz ohne, da wir ja immer noch nur zu dritt sind. Wir entscheiden uns spontan für “Please be Peter” und “Happy A”. Bei Happy A, zum Glück ganz kurz vor Ende, reißt Jürgen eine Gitarrensaite! Plöng!!! Live im Radio! Das sind die kleinen Dinge, die das Leben doch immer wieder abwechslungsreich und spannend machen.
Nach der Radiosendung gönnen wir uns ein mexikanisches Abendessen in “La Indita”, einem stadbekannten mexikanischen Restaurant. Auf der Toilette liegt eine überaus authentische plattgetretene Kakerlake – die Küche ist gleich nebenan… Aber das Essen schmeckt lecker. Das mexikanische Bier allerdings… uh-huh…
Nach dem Essen ist es auch bald schon Zeit, um Claus und Sandra am Parkplatz des Arizona-Shuttle abzuholen. Wir bringen kurz unsere Instrumente zurück ins Hotel und fahren dann zum Treffpunkt. Die beiden haben eine sehr lange Reise hinter sich, kommen aber trotzdem gut gelaunt und eingermaßen munter bei uns an, da sie das Glück hatten, mit Lufthansa zu fliegen (nicht wie wir mit <censored>) – wo es freie Getränke, gutes Essen und hervorragenden Service gibt. Und da sie sich gewissermaßen von der Stewardess genötigt fühlten, haben die beiden dem Wein zugesprochen und den Flug sogar genossen. Jetzt ist die Band wieder vereint!!!! Glücklich fahren wir zum Hotel und lassen den Abend noch gemütlich ausklingen.
7.3. (Freitag): Nach einem relativ zeitigen Frühstück steht heute eine Live—TV Show auf dem Programm. Wir fahren quer durch Tucson zum Sender, der viel größer ist, als wir dachten, allerdings soundmäßig erstaunlich dilettantisch arbeitet… Aber trotzdem ist alles wirklich Live, anders als im deutschen Fernsehen. Wir bauen auf, machen Soundcheck und dann eine kurze Aufnahme für einen “Teaser”, also einen 10-Sekunden Ausschnitt. Danach kommt der Song „Fair Maid“ und ein Interview live ins Fernsehen! Zwischendrin können wir live dabei sein, als die Nachrichten gemacht werden, was auch sehr interessant ist.
Nach dem Fernsehen geht es noch einmal kurz ins Hotel, noch einmal in den Pool hüpfen und ein bißchen einspielen, und dann müssen wir auch schon los. Das heutige Konzert findet im “Berger Performing Arts Centre” statt, ein recht großer Saal mit sehr gutem Equipment, einer großen Bühne mit Flügel und einem sehr fähigen Soundmann. Knapp über 500 Personen passen in den Raum, und schon gestern waren nur noch 50 Tickets zu haben - so wissen wir im Voraus bereits, dass das Konzert ausverkauft sein wird. Ein gutes Gefühl, was uns in Hochstimmung versetzt. Außerdem geht es heute wirklich “um die Wurscht”, da auch Pat uns endlich zum ersten Mal live sehen wird. Special Guests sind die Tänzer von der Maguire Academy of Irish Dance in Tucson, deren Leiter 10 Jahre lang die männliche Hauptrolle von Riverdance getanzt hat. Wir proben kurz noch die drei Sets, die wir mit den Tänzern per e-Mail abgesprochen hatten, der Klavierstimmer stimmt den Flügel, während wir essen, und dann ist auch schon Einlass!

Wir geben alles und das Konzert ist wirklich gut. Es ist toll, wieder in Amerika zu spielen – alles ist wieder da: vom Szenenapplaus während der Stücke bei solistischen Passagen, bis zu spontaner Interaktion mit dem Publikum (Zwischenrufe) und Standing Ovations am Ende. Dafür lohnt sich doch der ganze Aufwand!!!!! Wir verkaufen über 100 CDs (!). Pat und Maria machen heute glücklicherweise den Merch-Stand, sonst hätten wir das alles auch gar nicht geschafft, denn alle wollen Autogramme von uns, mit uns reden, uns fotografieren...
So schön es auch ist, wir müssen uns losreißen und zusammenpacken, denn auf uns wartet eine anstrengende Nacht…
8.3. (Samstag): Der Wecker klingelt erbarmungslos um 3:30, dann heißt es raus aus den Federn und nach Phoenix zum Flughafen fahren. Unser Flug geht um 7:55 von Phoenix nach Sacramento in Kalifornien. Nach einem kleinen kulinarischen Intermezzo am Flughafen Phoenix (wegen des Jetlags fühlt man sich um diese Zeit nämlich wie in Deutschland zur Mittagszeit, deswegen gibt es Burger!!, außer für Rolf, der sich ausnahmsweise mal mit einem Bagel zufrieden gibt...;-)) fliegen wir über die Rockies westwärts. Die Rocky Mountains sind absolut spektakulär aus der Luft, und da man sich im halb leeren Flugzeug auch frei bewegen kann, gelingen Jürgen und Sandra einige wirklich gute Fotos. Nach einem entspannten Flug holen wir in Sacramento unseren neuen Mietwagen ab. Dieses Mal haben wir es tatsächlich geschafft, einen Kleinbus zu bekommen. Das ist gleich ein ganz anderes Fahrgefühl als bei der letzten Tournee! Wenn man jetzt noch die eine Bank rausnehmen könnte, dann könnte man ganz bequem packen – aber da wir den Bus in San Francisco zurückgeben und nicht in Sacramento, können wir die Bank leider nicht bei der Mietwagenfirma lassen. Aber mit etwas Geschick geht alles, und wir sind startklar für eine weitere Autofahrt zum nächsten Festival. Hier scheint übrigens auch die Sonne, aber im Gegensatz zu Arizona, wo die Luft wirklich extrem trocken war, herrscht hier ein wunderbares Klima, was bei Sandra sofort zu Urlaubsgefühlen führt..
Die nächsten drei Stunden fahren wir durch eine Landschaft, die von blühenden Apfelplantagen, Mandelbäumen, Wein und Viehzucht geprägt ist. Verglichen mit Arizona wirklich ein Garten Eden. Zunächst ist die Landschaft nicht besonders schön, aber irgendwann biegen wir um eine Ecke, und auf einmal ist alles anders! Erst sieht es aus wie in Holland, dann erstrecken sich vor uns sanfte intensiv-grüne Hügel, Felsen, vereinzelte Bäume: quasi Irland!! Eine Wohltat fürs Auge, nach den ganzen Kakteen! Im Hintergrund erheben sich die Rocky Mountains und wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nach der nächsten Biegung wechselt die Szenerie schon wieder, und nun erinnert alles eher an die schwäbische Alb… Die Hinweisschilder zum Yosemite-Nationalpark häufen sich, der muss hier ganz in der Nähe sein, und wir erreichen unser Ziel für heute: Sonora.

Die Stadt ist schon völlig im Ausnahmezustand, Ursache ist das Festival, auf dem wir spielen, die “Sonora Celtic Faire”. Das ist kein normales Folkfestival, sondern eine Mischung aus Mittelaltermarkt, Fantasy-Festival, Rollenspiel und Musikfestival. Fast alle Besucher sind kostümiert, von Elfen bis zu Rittern in voller Rüstung kann man hier alles sehen. Übrigens nicht immer eine Augenweide.

Wir sind knapp dran, hasten zur Bühne, wo Malinky gerade das letzte Stück spielen, machen einen fliegenden Soundcheck und spielen direkt los. Nach dem ersten Set erkunden wir das Festivalgelände. Es gibt zwei Musikbühnen, eine, wo eher Folk-Rock gespielt wird und eine, auf der heute und morgen immer im Wechsel wir, Beoga und Malinky spielen. Außerdem gibt es Ritterspiele, bei denen “echte” Ritter mit echten Pferden versuchen, sich gegenseitig in den Dreck zu befördern, Bauchtänzerinnen, die zur Musik von schottischen Pipe-Bands und orientalischen Trommeln tanzen, Wikinger in Fellen, Orks mit scharfen Schwertern, Frauen in Kleidern von Renaissance bis Queen Elizabeth – und alle fühlen sich “keltisch”, und über all dem Treiben weht lustig die amerikanische Flagge!

Bald ist es auch schon Zeit für unser zweites Set für heute, was wir wohl trotz der kurzen Nacht und der anstrengenden Reise überzeugend abliefern, denn wir bekommen tosenden Applaus und schon wieder Standing Ovations! Danach essen wir noch schnell was auf dem Festivalgelände und dann fahren wir ins Hotel, was in der Hauptstrasse von Sonora liegt (ein recht beschauliches Städtchen). Malinky sind beim Inder eingekehrt, der gegenüber vom Hotel liegt; wir sagen Bescheid, dass wir uns jetzt eine Kneipe suchen gehen und verabreden uns für später. Im “Iron Horse”, wo wir unser erstes Getränk einnehmen, lernen wir dass 1) Cocktails nicht gleich Cocktails sind, denn der Amerikaner trinkt keine kubanischen Drinks und kennt keinen Mojito oder Caipirinha und 2) dass “draft beer” nicht zwangsläufig vom Fass kommt, sondern es auch Flaschenbier mit diesem Aufdruck gibt. Als Beoga und Malinky sich zu uns gesellen, wird schnell der Platz knapp, und so ziehen wir um und finden in “The Old Stan” ein gemütliches Eckchen. Es ist eine lustige, nette Runde, die sich hier versammelt hat, und so tauschen wir die besten Geschichten von unterwegs, Tipps, reden über Musik und das Unterwegssein – immer toll, wenn man Leute trifft, die ganz genau wissen, wovon man spricht! Doch bald müssen wir der Müdigkeit nachgeben und gehen ins Bett… Ein langer Tag!
9.3. (Sonntag): Rolf, Claus und Sandra entdecken mehr oder weniger durch Zufall, dass es in dieser Nacht eine Zeitumstellung gegeben hat, und es bereits eine Stunde später ist, als gedacht. Claus gibt sich die größte Mühe, alle Bandmitglieder rechtzeitig darüber zu informieren, und so kommen wir pünktlich auf dem Festivalgelände an. Der Tiger ist in Hochform und sorgt für den ersten Lachkrampf des Tages, als er den Security-Guards, die die Einfahrt kontrollieren, sagt: ”we’re playing at the Celtic… äh.. Scheißebach!”, woraufhin uns umgehend das Tor geöffnet wird!! J
Malinky spielen bereits, ein schönes, ruhiges Set vor relativ kleinem Publikum. Nach dem Gig erfahren wir von Fiona, der Cellistin, dass sie am Abend vorher noch bis zum bitteren Ende mit den Jungs von Beoga um die Häuser gezogen ist - bis in eine Bar, wo Eamonn den Whisky direkt in den Mund eingeflößt bekommen hat (auf der Bar liegend), und dann anschließend von der Wirtin mit seinem eigenen Gürtel ausgepeitscht worden ist (!). Wir sehen dem heutigen Abend mit Spannung entgegen!
Unser erstes Set des Tages wird vor allem dadurch bestimmt, dass das örtliche E-Piano den Geist aufgibt, und wir nun klavierfreie Stücke auswählen müssen. Aber das (inzwischen zahlreiche) Publikum hat vollstes Verständnis und kommentiert auch Stücke, die wir ungeprobt spielen, mit Zwischenrufen wie “don’t rehearse!!”. Es hätte also durchaus schlimmer sein können. Beoga leiden mehr unter der Situation, da Liam ja ausschließlich Piano spielt und so zu einem freien Nachmittag kommt. Aber ein freundlicher Herr bietet seine Hilfe an und besorgt ein neues E-Piano, so dass wir wissen, dass das nächste Set dann wieder wie geplant stattfinden kann. Im zweiten Set spielen wir dann alle Stücke mit Klavier und bei “Flying Sofa” geht das Publikum nochmal so richtig ab – und so ziehen wir trotz des eher merkwürdingen Charakters der Veranstaltung eine durchweg positive Bilanz. Nach einem kleinen Snack beim Organic-Food-Onkel machen wir uns ohne Umwege auf in den Whirlpool des Hotels, wo der Tiger seine Brille kaputtmacht und wir ein bißchen Frisbee spielen. Es macht sich ein gewisses Rockstar-Feeling breit, was dann sofort wieder gedämpft wird durch die Tatsache, dass Sandra und Rolf zusammen mit Steven, Marc und Damian danach auf dem Festivalgelände über eine Stunde damit zubringen, auf die CD-Verkaufs-Abrechnung zu warten. In der Zeit werden munter road stories ausgetauscht. Rolf und Steven stellen fest, dass sich T-Shirts auf den Gigs doch nicht so gut verkaufen, wie gedacht. Als Rolf erwähnt, dass Aaron Jones von den Old Blind Dogs uns den T-Shirt Tipp gegeben hat („the Americans are mad for T-Shirts!“), macht Steven große Augen und sagt: „ Guess who told us about the T-Shirts!“ Dann kommt endlich der Mann mit der CD Abrechung und: Cara liegt mit über 60 verkauften CDs auf dem ersten Platz an diesem Wochenende!!!
Die Merchandise-Beauftragten der jeweiligen Bands machen sich auf den Rückweg und stoßen in einem Steakhouse mit Nebenzimmer zu uns anderen, denn wir sind für eine Session verabredet. Allgemeine Feierabendlaune macht sich nun breit und die Musik ist wunderbar. Nur leider hat das Steakhouse nur eine Ausschanklizenz bis 22 Uhr und so werden wir nach zwei Stunden bereits hinauskomplimentiert. Wir versuchen im “Iron Horse” unser Glück, doch der dortige Wirt hat noch nie etwas von “Session” gehört und wirkt so, als ob er auch eher fürchtet, dass wir ihm den Laden auseinander nehmen. Darum setzen wir uns dort nur ganz normal hin und erzählen – was auch super ist. Geschichten über Festivals, Agenturen, mit denen wir so arbeiten, gemeinsame Freunde usw werden ausgetauscht und reihum besorgen wir die Getränke für die lustige Runde. Dann taucht ein skurriler Typ mit einer “American Idol”-Mütze auf, der sich gleich mit Eamonn anfreundet und aus voller Kehle Lieder schmettert. Ziemlich durchgeknallt, aber gutartig – und so amüsieren wir uns alle prächtig.
Als die Bar schließt (2 Uhr) machen wir einen Zwischenstopp an der lokalen Tankstelle, praktischerweise gegenüber vom Hotel gelegen, und dann verkündet der Tiger lauthals “Party in our room”!!! So zieht die versammelte Mannschaft in das Zimmer 234 ein und verwandelt es innerhalb von wenigen Minuten in ein Schlachtfeld. Aber nett ist es trotzdem, sogar ein paar Songs singen wir noch! Gegen 3 Uhr räumen dann die letzten (Eamonn, Fiona, Damien, Steve) das Feld und Ruhe kehrt ein…
10.3. (Montag): Aufwachen mit Blick auf halbleere Bierflaschen ist nicht so schön, Onion Rings im Koffer zwischen den „sauberen“ Klamotten ebenfalls nicht. Die Erinnerungen an den gestrigen Abend entschädigen aber gewissermaßen dafür.
Gegen 10 Uhr sind wir alle wieder ansprechbar und machen uns auf in einen Antiquitätenladen, in dem es auch Frühstück gibt, mit für amerikanische Verhältnisse exzellentem Kaffee. Danach brechen wir auf Richtung Monterey Bay, wo wir den heutigen Offday verbringen wollen. Es ist eine längere Fahrt, aber durch schöne und abwechslungsreiche Landschaft, und wir haben auch viel zu besprechen über die Planung für 2009, und so wird es uns nicht langweilig. Bei einem Zwischenstopp bekommt Jürgen sogar seine Brille repariert.

In Santa Cruz (Capitola) angekommen, suchen wir erst einmal unser B&B. dabei fallen uns einige wirklich schöne Häuser auf, die einen spektakulären Blick über die Bucht genießen. Wie schön es doch wäre, in einem solchen Haus zu wohnen…
Dann biegen wir in die Einfahrt zu unserem B&B ein und uns stockt der Atem! Bei weitem das älteste Gebäude in diesem Wohngebiet, liegt das “Monarch Cove Inn” hoch über der Monterey Bay mit Blick über die gesamte Bucht. Das herrschaftliche Anwesen stammt aus dem Jahre 1848 und umfasst mehrere Cottages und verwinkelte Apartments, sowie eine wunderbare Parkanlage.

Wir sind völlig sprachlos. Lonna, die Eigentümerin, zeigt uns unsere Apartments und wir sind im Glück. Alles ist unglaublich großzügig, viel Platz, herrliche Aussicht - und alles umsonst, weil sie Musiker so gerne mag! Wahnsinn. Nach dem Einchecken klettern wir auf einem schmalen Pfad in die Bucht hinunter und wandern am Strand entlang. Jürgen zieht sich kurzerhand bis auf die Unterhose aus und springt in den Pazifik – das musste einfach sein – während Rolf nicht müde wird, zu betonen, dass er noch nie zuvor so weit von zuhause weg war. Wir warten, bis die Sonne untergeht, fotografieren, laufen, sitzen, schauen, staunen…
Dann kraxeln wir wieder bergauf, duschen, und folgen einem weiteren Tipp von Lonna in das Shadowbrook Restaurant, welches sich als kulinarisches Highlight der Tournee entpuppt – alles schmeckt hervorragend, das Restaurant ist schön, gemessen an europäischen Maßstäben nicht teuer, der Service perfekt… Toll! Einzig Sandra kannn leider nicht mit uns schwelgen, da ihr Verdauungstrakt heute in Streik getreten ist… Schade! Sonst aber ein wirklich rundum gelungener, fantastischer Tag!!! Kalifornien ist super.
11.3. (Dienstag): Kontrastprogramm zu gestern: aufwachen mit Blick auf den Sonnenaufgang über dem Pazifik! Wahnsinn! Nach dem Frühstück fahren wir los Richtung Monterey. An einer Tankstelle unterwegs kauft sich Claus eine Dose “Rockstar”-Energy-Drink (riecht fürchterlich, schmeckt auch so), es entsteht ein schönes Filmchen.
In Monterey fahren wir zur Cannery Row, was für die Steinbeck-Fans unter uns ein toller Moment ist ("Die Straße der Ölsadinen"). Von der Cannery Row geht es weiter zum 17-Mile-Drive, einer kleinen Straße an der Küste entlang, von der man immer wieder eine spektakuläre Aussicht auf die Küste und das Meer hat. Wir sind quasi im Urlaub! Wir sehen Kormorane, Seehunde (oder –Löwen?) und viele andere Viecher, die wir zum größten Teil gar nicht kennen. Leider sind die Wale noch nicht da, die sich im Moment auf dem Rückweg von Süden nach Norden befinden… Aber mit den Elchen hatten wir ja auch schon kein Glück J (s.Tourtagebuch August 2007). Der 17-Mile-Drive führt uns dann in ein absolutes Luxusviertel, wo sich die unglaublichsten Villen befinden, mit Aussicht aufs Meer … wir beschließen, auszuwandern… Leider fehlt dafür wohl das nötige Kleingeld, drum müssen wir erst einmal berühmt werden und viel Geld verdienen… aber das sollte ja kein Problem sein… (?!) Nach vielen “Oh’s” und “Ah’s” sind wir irgendwann so übersättigt, dass selbst der Tiger nicht mehr fotografiert, und das will wirklich etwas heißen!

Und so fahren wir zurück nach Monterey und gehen in einem Fischrestaurant Mittag essen. Lecker! Danach fahren wir zurück zu unserem B&B, denn wir haben ja heute noch ein Konzert!! Als wir die Instrumente ins Auto packen, fragt Rolf “sagt mal, war das eigentlich heute mit dem Radio-Termin…?” – und nach einem Blick in den Tourneeplan stellen wir fest, dass wir es tatsächlich geschafft haben, vor lauter Begeisterung über die Sehenswürdigkeiten die Live-Show im Radio zu verpassen! Peinlich berührt fahren wir zum Veranstaltungsort. Letztes Jahr hatten wir noch den Ruf "the first Irish band that actually arrives in time and sober!" zu sein, dieses Mal nähern wir uns dem Irish way of life vielleicht bereits etwas zu sehr an. Der Veranstalter sagt auf jeden Fall so etwas wie “wenigstens seid ihr überhaupt da!”
Der Weg nach Felton führt übrigens durch einen Redwoods-State-Park, wo die riesigen Bäume wachsen. Wie gerne hätten wir für ein Foto angehalten, aber da wir noch einmal umkehren mussten, weil ich meine Auftrittskleider vergessen hatte, sind wir etwas spät dran, und beschließen, dass erst Radio verpassen und dann auch noch zu spät kommen einfach des Guten zuviel wäre. Wie sich dann allerdings herausstellt, hätten wir das doch ruhig tun können, denn der Techniker ist ein entspannter Kalifornier und kommt völlig relaxt eine Stunde zu spät. Aber der Soundcheck läuft glatt, und wir fangen pünktlich an zu spielen. Die Leute sind extrem begeisterungsfähig und so läuft das Konzert trotz einiger Konzentrationslücken (zuviel Urlaub tut uns nicht gut!) sehr gut – und wir schließen wieder mit Standing Ovations.
Vom Mittagessen sind wir immer noch so satt, dass selbst Rolf das angebotene Essen ausschlagen muss und wir fahren nach dem Konzert in das B&B zurück. An der Tankstelle kauft Claus noch “Tecate”, das ist mexikanisches Bier, an welches er wohlige Erinnerungen hat. Zitat: “damit haben wir uns vor Jahren mal ins All gebeamt!” Leider stellen wir aber fest, dass es nach fast gar nix schmeckt und eigentlich nicht lecker ist, und so kommen wir wider Erwarten doch früh ins Bett.

12.3. (Mittwoch): Heute ist San-Francisco-Tag! Nach dem Frühstück und einem herzlichen Abschied von Lonna, die uns nochmal anbietet, jederzeit auch gerne für länger wiederzukommen, fahren wir los. Der Weg nach S.F. ist auch schon super, wir fahren nämlich (anders, als das Navi es wollte) die Küstenstrasse und den “Skyline Boulevard” oder so ähnlich. Auf der Fahrt entstehen auch noch ein paar lustige Filmchen. Claus singt das “wir fliegen mit der Lufthansa”-Lied (Teile der Band fliegen ja luxuriös mit Lufthansa ohne Umsteigen nach Hause, andere Teile fliegen mit US Airways und Umsteigen…). Außerdem “rolft” sich Claus zusehends, was bedeutet, dass er ständig Hunger hat, Fleisch essen will und große Portionen verdrückt, während Rolf immer öfter auch mal einfach noch satt ist! Auch in anderer Hinsicht (eklige Sprüche) rolft sich Claus, während Rolf sich auch ein bißchen am Onkeln versucht (“iiih”, “och nöö!”). Claus ist nun eine multiple Persönlichkeit, in ihm wohnen der Waran, die Schildkröte und der Rolf! Au weia! In San Francisco steuern wir zunächst “Ashbury Haights” an, das war das Zentrum der Hippie-Bewegung.

Ein bißchen spürt man das auch heute noch, allerdings tummeln sich jetzt eine Mischung von Ex-Hippies, Yuppies, ganz normalen Menschen und zwielichtigen Gestalten auf der Straße. Vor unseren Augen wird ein Mann in Handschellen abgeführt. Die Läden und Cafés sind alternativ und sehr anheimelnd. Wir verabreden eine Zeit, um uns am Auto wieder zu treffen, und bummeln ein wenig. Dann verspüren wir alle Hunger. Zu dumm, dass wir nicht ausgemacht haben, ob wir zusammen essen gehen sollen oder nicht und zu dumm, dass wir Claus’ Handynummer noch nicht im USA Handy eingespeichert haben. So essen wir alle getrennt und in Hektik, weil keiner der Grund dafür sein will, dass die anderen am Auto warten und womöglich noch hungrig sind, weil sie dachten, dass wir zusammen essen gehen… Wieder am Auto stellt sich heraus, dass wir alle das gleiche Problem hatten und alle viel zu schnell gegessen haben. So macht man sich seine Probleme selbst, jetzt ist uns nämlich schlecht.
Aber das ist bald vergessen, denn unser nächstes Ziel ist die Golden Gate Bridge. Dort kann man unterhalb parken und dann die Brücke entlang laufen. Gemeinsam mit vielen anderen Touristen machen wir Fotos über Fotos. Es ist aber auch wirklich beeindruckend!!

Auf der anderen Seite der Brücke fahren wir noch hoch auf die Marin Heights, von wo man einen herrlichen Blick über die San Francisco Bay hat. Pünktlich wird das Wetter auch gut (vorher war es nämlich bewölkt, jetzt scheint die Sonne).
Aber nun ist es auch Zeit, aufzubrechen, denn wir haben ja noch ein Konzert vor uns! Wir fahren nach Berkeley, wo die berühmte Musikakademie ist (Jürgen wollte sich hier sogar mal bewerben, ist dann aber doch in München gelandet. Wer weiß, sonst hätten wir ihn vielleicht nie kennen gelernt…). Unser Venue heute, das “Freight & Salvage”, ist einer der dienstältesten Venues für unsere Musiksparte, das gesamte Backstage ist verziert mit Eintragungen andere Musiker. Wir entziffern Paul Brady, Dervish, Tannahill Weavers, Battlefield Band und viele, viele mehr. Da weiß man doch gleich, dass man gut aufgehoben ist. Unsere Tontechniker Lou und seine Frau Pauline sind ein sehr fähiges Team (er mischt sonst viel Bluegrass, hat auch ein eigenes Studio), und so haben wir endlich mal wieder (seit Tucson) einen richtig guten Sound! Der Flügel ist zwar in 442 Herz, aber das stört uns heute nicht, die Concertina sorgt dann halt für ein bißchen “Flair” ;-) so wie bei alten, verstimmten Akkordeons…

Das Konzert ist sehr schön, nur leider explodiert im zweiten Set der Dudelsack. Der Stutzen, der für die Luftzufuhr sorgt, löst sich komplett aus dem Sack – das kann man nicht mal eben so selbst reparieren, und so stellen wir das Programm um… Die Leute sind begeistert, und wir verkaufen fleißig CDs. Nach dem Konzert gehen wir nebenan Pizza essen, die unerwartet authentisch schmeckt und riesengroß ist. Dann schnell zurück ins Hotel, morgen müssen wir wieder einmal früh aufstehen und fliegen.
13.3. (Donnerstag): Nach einer unruhigen Nacht im hellhörigen Hotel brechen wir um 7:30 auf zum Flughafen San Francisco. Wir fliegen heute mit Alaska Airlines, operated by American Airlines, und deswegen finden wir auch nicht gleich den richtigen Schalter. Beim einchecken geht es drunter und drüber, weil der Automat streikt und wir dann unter Zeitdruck geholfen bekommen, während hinter uns die Leute drängeln. Aber irgendwann haben wir alle Tickets und die Koffer sind weg. Wir frühstücken noch ein Pastrami-Sandwich hinter der Sicherheitskontrolle, dann ist es auch schon Zeit und wir besteigen mal wieder ein Flugzeug. Fast 5 Stunden später sind wir mit Verspätung in Chicago, der Flug war langweilig und servicearm. In Chicago ist alles da, außer Jürgens Gitarre. Oooh, was ist das Fliegen schön! Aber wir sind ja mittlerweile routinierte Gepäckverlierer, und so melden wir einigermaßen cool unseren Verlust, geben die Hoteladresse für den nächsten Tag in La Crosse an und machen uns mit einem neuen Mietwagen (den wir gegen Aufpreis vergrößern mußten, weil das reservierte Modell viel zu klein war) auf nach Madison, zu Freunden. Unterwegs heißt unser erstes Ziel “CULVER'S”. Davon träumt Rolf genau seit fünf Jahren (da war er zum letzten Mal in Wisconsin), und hat uns zur Vorbereitung bereits vor der Tournee den Link zur Website geschickt. Damals konnten wir das gar nicht so wertschätzen, aber ausgehungert, wie wir jetzt sind, können wir es kaum erwarten... Endlich taucht das ersehnte Schild auf! „Americas Burger Restaurant No.1“. Die Erwartungen sind hoch, werden aber auch nicht enttäuscht. Rolf schreit ganz laut, weil er sich so freut! Gegen 22 Uhr treffen wir dann bei Liz ein, wo wir schon von Liz, Adam, Alan, Brian und ein paar anderen Musikern erwartet werden. Es gibt eine kleine, gemütliche Session (Jürgen spielt auf Liz’ alter Gitarre), und danach teilen wir uns auf die verschiedenen Privathaushalte auf und fallen erschöpft in die Betten.
14.3. (Freitag): Rolf ist schon ganz früh auf den Beinen, weil er einkaufen will und einen Termin bei einer Massagetante hat. Sandra und Claus frühstücken mit Liz und besorgen danach Mitbringsel. Jürgen und ich machen „All you can sleep“ und gehen danach mit Brian frühstücken. Um 13 Uhr treffen wir uns alle wieder und verlassen Madison in Richtung La Crosse. Die Fahrt dauert länger, als wir dachten, und als wir im Hotel ankommen, wartet dort schon die Gitarre auf uns. Gott sei Dank! Casey, der Veranstalter, holt uns am Hotel ab und eskortiert uns zum Campus, heute spielen wir in der Uni. Auf dem Weg erzählt er uns, dass er bereits zusätzliche Stühle stellen musste, weil mehr Vorbestellungen eingegangen sind, als er dachte. Das hört man doch schon mal gerne. Die Bühne ist groß, und alles liegt bereit, nur als Jürgen den Gitarrenkoffer öffnet, stellen wir fest, dass der Kapodaster fehlt! Da hat sich wohl jemand von der Airline einen neuen Kapo gegönnt! Also fährt Jürgen noch schnell zum örtlichen Gitarrenladen, der zum Glück noch geöffnet hat. Das Konzert kommt prima an, und nach dem Konzert lädt Casey uns noch ein, mit ihm und einigen Helfern, darunter sein Vater, in die Kneipe gegenüber umzuziehen. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Wir spielen eine Partie Billard und lassen dann den Abend gemütlich mit Casey und seinem Vater bei einem Pitcher grünem Bier ausklingen. Das hat man hier so, schließlich ist bald St Patrick’s Day!
15.3. (Samstag): Nach dem FrĂĽhstĂĽck treffen wir uns im Hotelpool. Wir wechseln immer wieder zwischen Whirlpool und Swimming Pool hin und her... sehr entspannend. Auch eine Partie Frisbee muss natĂĽrlich wieder sein. Der Onkel probiert den Fitnessraum aus.
Völlig relaxt geht es weiter nach Des Moines, geschätzte vier Stunden Fahrt durch eine absolut langweilige Landschaft, einzig der Anfang mit dem Blick auf den zugefrorenen Mississippi und zwei Weißkopfadler ist spektakulär, danach gibt es nur noch Felder zu sehen. Über 90% von Iowa sind bewirtschaftetes Farmland. Mit einem erneuten Zwischenstopp bei Culver’s verlängern wir die Fahrtzeit und kommen ganz entspannt eine Stunde zu spät. Macht nix. Heute haben wir kleine, tanzende Mädchen als Vorgruppe. Die haben alle ganz seltsame Lockenperücken! Der Saal heute ist eine Art Turnhalle, aber da er voll werden soll, kann einem das egal sein. Und tatsächlich kommen über 400 Menschen, um uns zu hören! Die Stimmung ist wirklich super. Ein extrem nettes und engagiertes Team arbeitet hier hinter den Kulissen und sorgt dafür, dass alle Wünsche und Bedürfnisse sofort erfüllt und befriedigt werden. Das Essen (Seafood Gumbo) ist ebenfalls außergewöhnlich lecker – wir fühlen uns wohl. Der Sound ist leider ein bisschen problematisch, aber das ist der Art und Akustik des Saals zuzuschreiben. Gut, dass wir inzwischen, was Rückkopplungen und Soundprobleme angeht sehr gelassen bleiben und einfach weiterspielen und -singen! Das Publikum dankt es uns jedenfalls mit frenetischer Begeisterung. Schade, dass wir die Videokamera im Auto gelassen haben, heute hätte man mal ein rasendes Publikum filmen können! An die Standing Ovations gewöhnt man sich ja tendentiell bereits, aber wenn über 400 Leute geschlossen aufstehen und pfeifen, schreien und klatschen, dann läuft einem doch ein bisschen die Gänsehaut über den Rücken!



Heute verkaufen wir übrigens die letzten CDs, bis auf wenige T-Shirts, die wir trotz aggressiver Werbung (Rolf macht ja seit einigen Tagen immer die Fischmarkt-Nummer vor der Pause) noch nicht verkauft haben. Der Kassenwart des Vereins ist gebürtiger Deutscher und freut sich sehr, endlich mal wieder Deutsch zu reden (allerdings hat er inzwischen einen deutlichen amerikanischen Akzent). In Windeseile sind die 400 Leute verschwunden und alles abgebaut, und Crew und Musiker freuen sich auf ein Aftershow-Bier in Cooney’s Irish Bar. Sandra ist müde und fährt schon mal vor ins Hotel, der Rest bestellt sich erfreut einen Pitcher Smithwick’s (ungefärbt, prima!) und da wir einen unbezähmbaren Tunes-Durst haben, packen wir die Instrumente aus und spielen trotz schlechter Akustik und (anfangs) lautem Hintergrund Session. Allerdings, eins muss man sagen, nach ein paar Stücken hören alle zu, es gibt Zwischenrufe an den richtigen Stellen, es wird mitgesungen: kurz, die Stimmung ist hervorragend. Der Pitcher füllt sich auf geheimnisvolle Weise immer wieder von selbst, aber da wir die ganze Zeit spielen, kommen wir gar nicht zum Trinken. Um 2 Uhr schließt die Bar, und nach einem schönen Abschiedswalzer sagen wir den netten Leuten Auf Wiedersehen und meinen es ernst. Hierher kommen wir gerne wieder zurück!
16.3. (Sonntag): Heute ist wieder „All you can sleep“-Tag; wir lassen das Frühstück im Hotel sausen und dieses Mal auch den Whirlpool links liegen und treffen uns um 12, um gemeinsam frühstücken zu gehen. Wir finden ein Bakery-Restaurant, wo wir lecker und ausgiebig frühstücken. Danach machen wir uns wieder auf den Weg, 2,5 Stunden heute. In Iowa ist die Landschaft wenig abwechslungsreich. Zitat Claus „man macht die Augen zu und schläft ein, dann macht man sie wieder auf und es sieht immer noch genauso aus wie vorher!“. Meine Meinung: „Iowa ist indianisch für Langeweile!“. Der Autokoller macht sich breit, und es entstehen wieder ein paar lustige Filmchen. Auch unser Ziel, Cedar Rapids, ist keine Perle. Unsere Erwartungen sind nicht allzu hoch, aber das CSPS Legion Arts entpuppt sich als schönes, altes Theater und der Soundmann überzeugt trotz Latzhose durch einen schnellen und guten Soundcheck. Heute und morgen schneidet das Radio mit. Das Backstage ist gemütlich und weitläufig, und da wir heute tatsächlich nach dem Konzert essen können, haben wir vor dem Konzert zum ersten Mal genügend Zeit – was sich u.a. darin ausdrückt, dass das Tourtagebuch soeben im Hier und Jetzt angekommen ist. Hurra!
Der Saal füllt sich rasch und ist bald auch wieder bis auf den letzten Platz besetzt. Das CSPS Legion Arts ist eine sehr bekannte Kunstgalerie und Veranstaltungszentrum mit erlesenem Programm, und das Team kümmert sich wirklich super um uns. Der Flügel wird vor und nach dem Soundcheck durchgestimmt – guter Service! Aufgrund des guten Sounds und der Tatsache, dass wir mal nicht mit vollem Bauch auf der Bühne sitzen, spielen wir heute auch nach unseren Maßstäben richtig gut zusammen. Das macht Spaß! Und da das Publikum euphorisch reagiert, spornt uns das dann wieder zu neuen Höchstleistungen an: wir sind uns einig, dieses war bisher das beste Konzert auf der Tournee (rein musikalisch gesehen)!! Schön, dass wir morgen noch mal hier spielen dürfen! Durch eine clevere Strategie der Veranstalter, die eine Bestellliste für unsere CDs auslegen und das Geld gleich kassieren, verkaufen wir für 600 Dollar CDs, die wir gar nicht dabeihaben J. Nach der Tour schicken wir dann ein Paket an das Theater, und die schicken sie dann weiter an das Publikum. Wunderbar! Dann lassen wir den Abend gemütlich beim Essen vom Chinese-Takaway in der Küche des Backstage-Bereichs ausklingen, zum Pling-Plong der engagierten Klavierstimmerin, die nun zum dritten Mal den Flügel nachstimmt, damit für den Radiomitschnitt alles perfekt ist.
17.3. (Montag): St.Patrick’s Day beginnt für uns mit einem Workshop-Konzert in der Mensa einer Schule („School for the Arts“), wo die Kinder außer dem normalen Unterricht auch Tanzen lernen, Instrumentalunterricht erhalten, Malen usw. Ein tolles Konzept! Übers Jahr verteilt lädt die Schulleitung Bands aus verschiedenen Ländern ein, die dann ein paar Stücke spielen und etwas zur Musik und den Instrumenten erzählen. Pat’s Bands waren alle schon hier: Old Blind Dogs, Danú, Grada, Teada... aber auch Bands aus Burkina Faso oder Papua-Neuguinea. Die Kinder klatschen begeistert mit und auf die Frage, wer von ihnen schon einmal irisch getanzt hat, schießen mehr als die Hälfte der Hände in die Höhe! Beeindruckend!!! Zum Schluß dürfen wir uns dann noch an der Wand mit Edding verewigen, was sich lustig anfühlt, da zu unserer Schulzeit das Kritzeln an Schulwänden ja verboten war, und nun steht der Rektor mit leuchtenden Augen vor der Graffiti-Wand, wo alle Künstler unterschreiben... ;-) Aber natürlich ist das ja etwas anderes.
Danach nimmt Mel, unser Veranstalter, uns mit in ein Café, wo es den besten Kaffee und die besten Smoothies der Tour gibt, außerdem auch leckere Sandwiches. Schön! Danach teilen wir uns: Sandra und Rolf gehen shoppen, Jürgen, Claus und ich bleiben im Hotel und entspannen uns in der Sauna. Als wir den Saunabereich betreten, sitzt einsam am Pool ein Mann, voll bekleidet, der sich einen Burger genehmigt. Claus sagt dazu nur „Wellness!!“ Allerdings muss man an dieser Stelle noch einmal feststellen, dass das Hygienebewusstsein verschiedener Länder doch stark voneinander abweicht. Einerseits gibt es in Amerika auf jeder Toilette „Seat Covers“, mit denen man die Klobrille abdecken kann bevor man sich draufsetzt, andererseits fehlen im Saunabereich des Hotels jegliche Duschen!!! Man muss direkt verschwitzt in den Pool springen, es bleibt einem gar nichts anderes übrig! Seltsam. Und während es in Deutschland selbstverständlich ist, dass man in der Sauna die Badekleidung ablegt, ist es in den USA genau andersherum: Badeanzug keinesfalls ausziehen! Wie unterschiedlich kulturelle Prägung doch sein kann.
Nach dem Wellness- und Shoppingnachmittag treffen wir uns um viertel vor fünf in der Hotellobby und fahren zum Club. Ein kurzer Linecheck genügt, denn wir konnten die ganze Technik stehen lassen. Und dann vergeht die Zeit auch ganz fix, noch einmal unsere Taketina-Routine vor dem Gig, kurz einspielen, umziehen und dann sind wir auch schon live im Radio! Wir spielen gut, auf den Punkt, und es fühlt sich super an, schon beim Spielen zu wissen, dass das jetzt gut ist, und dass man sich freut, dass dieses Konzert gerade gesendet wird (wie oft ist es andersherum, dass man sich sagt „warum mussten wir ausgerechnet die Show aufnehmen, gestern waren wir viel besser...“). Heute ist die Band wirklich kollektiv bei der Höchstleistung angekommen. Ein rundum gutes Gefühl! Zum letzten Mal genießen wir die Standing Ovations und die Begeisterung des Publikums, freuen uns über unsere Erfolge und sind gleichzeitig froh, morgen nach Hause zu dürfen und ein bisschen traurig, dass die Tour schon vorbei ist. Aber im September kommen wir wieder!!!!
Das wirkliche Tourende mit großer Abrechnung und endlosen Flügen verläuft eher routinemäßig, aber in Charlotte auf dem Flughafen erreicht uns noch eine e-Mail von Pat, in der er schreibt:
„Thank you so much for a great tour....you really knocked their lights out...wonderful reports from all around. All the best....and again, we were so impressed with you all, both as persons and as mucians....we have not heard a live show that we have enjoyed more. Onward and upward!“
Das ist ein ganz, ganz großes Lob (wenn man bedenkt, wen er alles schon vertreten und auch live gesehen hat), und wir freuen uns und sind dankbar, dass wir die Chance haben, so etwas zu machen. Und mit diesem Motto „onward and upward“ verabschiedet sich auch das Tourdiary für dieses Mal. Vor uns liegt ein spannendes Jahr – wir freuen uns darauf!
Gudrun x